"Wir waren nicht mehr Nummern oder Juden"

8. Mai 2015, 17:15
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Am Freitag gedachte das offizielle Österreich des Endes des 2. Weltkrieges - Höhepunkt des Festaktes war die Rede des KZ-Überlebenden Marko Feingold

Wien - Umrahmt von einem kleinen Streichkonzert gedachten die Spitzen der Republik am Freitag im Kanzleramt gemeinsam mit Zeitzeugen der Befreiung vom Nationalsozialismus sowie des Endes des Zweiten Weltkrieges. "Wir verneigen uns heute vor all jenen, die Österreich befreit haben", hob Werner Faymann bei dem Festakt in seiner Rede an - und das tat der Kanzler auch vor allen Österreichern, die im Zuge der Kapitulation der Wehrmacht von den Nationalsozialisten befreit wurden.

In der ersten Reihe saß ein besonderer Gast: Marko Feingold, 102 Jahre alt, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburgs, Überlebender des Holocaust. Die Erinnerungen des schmächtigen Mannes, der die Gräuel der Nazis in mehreren Konzentrationslagern mitgemacht hat, berührten die anwesenden Regierungsmitglieder sichtlich.

Keine Selbstbefreiung

"Täglich wurde die Population im Lager kleiner und kleiner", sagte Feingold - und dass man morgens nicht gewusst habe, ob man am Abend noch lebt. Am 11. April 1945 wurde er von amerikanischen Truppen aus dem KZ Buchenwald befreit. Es war keine Selbstbefreiung wohlgemerkt, betonte er. Danach bekamen die Überlebenden mehr zu essen, und: "Wir waren nicht mehr Nummern oder Juden, sondern wir waren wieder Menschen geworden." Feingold erzählte von einer US-Decke, nass vom Morgentau, an die er dann in Freiheit gekommen sei - und aus der er sich später einen Morgenmantel schneidern habe lassen, den er bis heute noch besitzt.

Standing Ovations

Dazwischen ersparte Feingold, der immer noch die Synagoge seiner Gemeinde betreut, dem offiziellen Österreich nicht, auf die eine oder andere Härte im Nachkriegsösterreich hinzuweisen: dass er nach Kriegsende im "Nazi-Nest" Salzburg gelandet sei; dass eine Anstellung für ehemalige "politische Häftlinge" des NS-Regimes meist auch nach 1945 nicht möglich war. Für seine Ausführungen gab es Standing Ovations im Saal.

Auch der Kanzler räumte ein, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte nach dem Kriegsende zum Teil nur zögerlich erfolgt sei. Umso wichtiger wäre es, dass an den Schulen, an denen keine Zeitzeugen eingeladen werden, dennoch eine Diskussion über die einstigen Verbrechen stattfindet, denn: "Für eine umfassende Aufarbeitung ist es nie zu spät."

Zuerst kommt das Wort, dann die Tat

Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) stand nicht an, zu erwähnen, dass der 8. Mai jahrzehntelang als ein Tag der Niederlage gegolten habe. Dazu sprach der ÖVP-Obmann auch die aktuellen Vorgänge im steirischen Wahlkampf an, in dem die Freiheitlichen mit Plakaten gegen den Bau von Moscheen mobilisieren. Mitterlehner: "Es beginnt mit der Sprache. Zuerst kommt das Wort, dann die Tat." Bei Grenzüberschreitungen müsse man den Mut aufbringen, diese zu benennen. "Werden damit nicht Vorurteile geschürt und Gruppen gegeneinander ausgespielt? Urteilen Sie selbst."

Bei einem Gedenkgottesdienst in der Basilika von Kleinmariazell bat Wiens Erzbischof Christoph Schönborn um Vergebung für den auch von der katholischen Kirche geschürten Judenhass. In einer Erklärung bedauerte auch der evangelische Oberkirchenrat, Antisemitismus geschürt zu haben.

Neue Gedenkkultur gefordert

Die Israelitische Kultusgemeinde begrüßte zwar, dass am 8. Mai das "Fest der Freude" gefeiert wird und nicht mehr Burschenschafter auf dem Heldenplatz die Niederlage der Nationalsozialisten bedauern. Ihr Präsident Oskar Deutsch trat aber auch für eine Neugestaltung der Krypta sowie des Weiheraumes am Äußeren Burgtor ein. Denn dort, erklärte er, sollte nämlich nicht nur der politisch Verfolgten, der Widerstandskämpfer sowie der Partisanen gedacht werden, sondern auch der in den Konzentrationslagern Ermordeten. (nw, APA, 8.5.2015)

  • "Wir waren wieder Menschen geworden": Der 102-jährige Überlebende Marko Feingold über seine Befreiung aus Buchenwald im Kanzleramt.
    foto: bka / andy wenzel

    "Wir waren wieder Menschen geworden": Der 102-jährige Überlebende Marko Feingold über seine Befreiung aus Buchenwald im Kanzleramt.

  • Kanzler Faymann betonte angesichts des Endes des Weltkrieges vor 70 Jahren, dass die Aufarbeitung nur zögerlich erfolgt sei.
    foto: bka / andy wenzel

    Kanzler Faymann betonte angesichts des Endes des Weltkrieges vor 70 Jahren, dass die Aufarbeitung nur zögerlich erfolgt sei.

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