"Aufstieg und Fall von Little Voice": Dreckiges Showgeschäft

8. Mai 2015, 17:20
posten

Regisseur Folke Braband bringt Jim Cartwrights Stück zur österreichischen Erstaufführung

Wien - Die Kammerspiele in der Josefstadt beschließen den Premierenreigen der laufenden Spielzeit mit Tragikomik und Happy End: Das Musikstück Aufstieg und Fall von Little Voice (1992) von Jim Cartwright erzählt vom Scheitern im Showgeschäft und feiert leise die Liebe. Der große Wurf des englischen Dramatikers, der mit dem Working-Class-Drama Road 1986 vom Schauspieler- ins Autorenfach wechselte, wurde als Broadway-Musical adaptiert und 1998 erfolgreich verfilmt. Regisseur Folke Braband bringt das Stück nun zur österreichischen Erstaufführung.

Das zweistöckige Bühnenbild setzt auf Effekt und Sechzigerjahre-Nostalgie. Zu ebener Erde haust die Alleinerzieherin Mari (Sona McDonald), die sich im transparenten Schwarzen räkelt, sich Gin, Whiskey und zwielichtigen Männern hingibt und ihrer zurückgebliebenen Freundin Sadie (Slapstick-erprobt: Susanna Wiegand) von dicken Männerbrieftaschen und flotten Rückbanknummern am Hafen erzählt.

Das lüsterne Treiben stört nur eine: sie da oben. Hinter einem durchsichtigen Shirley-Bassey-Plakat wird das Kinderzimmer der verschlossenen "LV", gespielt von Eva Mayer, sichtbar. Die vernachlässigte Tochter tröstet sich mit der alten Plattensammlung des Vaters über ihr tristes Dasein hinweg. Nachts singt sie verträumte Nummern von Judy Garland und anderen Fünfzigerjahre-Starlets beim Fenster hinaus und erregt damit das Interesse des Telefontechnikers Billy (Hollywood-schön: Matthias Franz Stein).

Gefallen an dem sanften Stimmchen findet aber auch Mutter Maris jüngster Aufriss, der von Suff und Misserfolg gezeichnete Musikmanager Ray Say (Michael von Au), der in LV, alias "Little Voice", die Chance seines Lebens wittert. Mit dem Charme des Gossenhochstaplers überredet Ray LV zu einem Auftritt im Club des abgehalfterten Conférenciers Mr. Boo, den Heribert Sasse herausragend verkörpert.

Little Voices Bühnennummer, ein verballhornendes Medley von Monroe über Dietrich bis Piaf, wird zum Erfolg; und LV zum Wrack. Als sie sich weigert zu singen, eskaliert die Situation: Die Bösen scheitern fatal, nur LV und Billy rettet die Liebe.

Die Schwäche an Cartwrights Stück ist die Vorhersehbarkeit, für die das Ensemble nichts kann. Den schwierigen Synchronsprecherslang der deutschen Fassung setzt man dafür authentisch um. Eva Mayer kann in der wortkargen Hauptrolle ausschließlich gesanglich brillieren und schafft das mühelos. Fantastische Arbeit liefert Bühnenausstatter Stephan Dietrich. Denn von Ray Says Mackerfrisur und Goldbehang bis zu Maris Telefon kann man sich hier in jedes Detail verlieben. (Stefan Weiss, 8.5.2015)

  • LV alias "Little Voice" muss widerwillig auf die Bühne.
    foto: sepp gallauer

    LV alias "Little Voice" muss widerwillig auf die Bühne.


Share if you care.