Und dann eroberten sie Wien

8. Mai 2015, 17:35
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Der öffentliche Raum gehört diskutiert: "Urbanauts" im Projektraum Viktor Bucher

Sind die Straßen langweilig, ist die ganze Stadt öd. Zu diesem vernichtenden Urteil kam die kanadische Stadt- und Architekturkritikerin Jane Jacobs 1963 in ihrem Werk Tod und Leben großer amerikanischer Städte. Straßen und Gehsteige wären die wichtigsten öffentlichen Orte, ja die "lebenskräftigsten Organe" des Urbanen. Man ist verleitet, ihr uneingeschränkt recht zu geben; nur an der Peripherie, dort, wo die Stadt beginnt auszufransen, wäre man geneigt, Milde walten zu lassen. Denn die Ränder der Stadt durchkreuzt auch Kamen Stoyanov, als er beschließt, vom 0gms, einem von ihm mitbegründeten, alternativen Kunstraum in Sofia, bis zum Flughafen zu Fuß zu gehen. Kein wirkliches Dérive (übersetzt: Driften) im Sinne der Situationisten, weil seine kalkulierte Route das planlose Umherstreifen ersetzt. Als psychogeografisches Verfahren mit unbekannten Wegen geht Stoyanovs Projekt dennoch durch: Der Betrachter wird Zeuge dieser eher tristen Stadtraumerfahrung, denn den gut 100 Minuten langen Weg hat er videodokumentiert.

Man kann Stoyanovs Arbeit Some people are walking (2015) als Aufforderung verstehen, die Perspektive zu verrücken, Routinen zu durchbrechen. Auf den Punkt bringt das ein auf den ersten Blick unaufgeregtes Flughafenfoto: Oben öffnet ein Fenster den Blick auf das Rollfeld, unten sieht man Fliesenboden. Erst der Titel Airport Accident (2014) regt das Auge zu Suchbewegungen an, bis man den kleinen Unfall entdeckt. Ein Spatz ist hier tödlich verunglückt.

Ein Arbeitsoverall als Flagge

Neue Blicke erschließt auch eine andere Spaziergängerin: Die Künstlerin Julie Hayward sammelt Alltagskompositionen am Donaurand, beiläufige Arrangements aus Fundstücken oder auch funktionale Konstruktionen wie die hübschen Baumstulpen, im Grunde nur textiler Schutz für als Anlegestelle genutzte Stämme.

Urbanauts nennt sich die Gruppenschau im Projektraum Viktor Bucher (Teil des von der Kunsthalle Wien ausgegebenen Destination-Wien-Mottos) nach einer Münchner Gruppe, die sich der Verhandlung des öffentlichen Raums unter veränderten Vorzeichen - Überwachung, Privatisierung, Kommerzialisierung - widmet. Auch anderswo würde dieser Diskurs geführt, der in Wien fehle, heißt es im Ausstellungstext. So ganz richtig ist das freilich nicht, schließlich hat Wien nicht nur dérive, ein Magazin für Stadtforschung, sondern auch das von dessen Machern organisierte Festival urbanize. Aber freilich könnte die Debatte breiter und vehementer geführt werden. Einstweilen setzt Urbanauts gute Akzente.

Zur Frage der Rückeroberung öffentlichen Raums passt etwa Michail Michailovs Aktion Final Destination auf der Mülldeponie: Wie bei der Mondlandung hisst der Künstler in dieser endzeitlichen Kulisse seine Flagge, einen Arbeitsoverall. Und auch Marlene Hausegger eignet sich Stadt bzw. deren obsolet gewordene Utensilien an: Sie nutzt die Leuchtreklamelettern eines aufgelassenen Buchgeschäfts und eine Sprühfarbdose, um ihrem Galeristen eine Werbefläche (aus Bücher wird Viktor Bucher) zu erobern. Heroisch auch die Idee Aldo Gianottis, sich gegen einen Panzer am Heldenplatz zu stellen. Eine Geste, die ohne Drohszenario von rührender Lächerlichkeit ist. (Anne Katrin Feßler, 8.5.2015)

Bis 30. 5., Projektraum Viktor Bucher

Praterstraße 13/1/2, 1020 Wien

  • Der Funktion geschuldetes, aber dennoch ästhetisches Fundstück: Beute von Julie Haywards (O. T., 2010) Streifzügen entlang der Donau.
    foto: julie hayward / projektraum viktor bucher

    Der Funktion geschuldetes, aber dennoch ästhetisches Fundstück: Beute von Julie Haywards (O. T., 2010) Streifzügen entlang der Donau.


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