Der gefundene Vater

9. Mai 2015, 09:00
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Am 10. Mai jährt sich die Befreiung des KZ Mauthausen zum 70. Mal. Die Geschichte zweier Internierter - und das Leben nach dem Lager.

Siegfried Meir war acht, als er im April 1943 mit seinen Eltern aus Frankfurt am Main nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde. Sein Vater, ein gläubiger Jude rumänischer Staatsangehörigkeit, hatte ihm Gottvertrauen eingeschärft, und deshalb hasste Siegfried ihn, Gott und alle Religionen, sobald er die Gräuel des Vernichtungslagers erlebte. Seine Mutter starb nach zwei Monaten an Flecktyphus; wie und wann sein Vater ums Leben kam, hat er nie erfahren.

Als er selbst an Typhus erkrankte, wurde er in der Baracke gesund gepflegt, in der Mengele seinen pseudomedizinischen Ehrgeiz an Zwillingen stillte. Siegfried vermutet, dass ihm seine Ausnahmestellung als blondes, blauäugiges Kind, sein germanischer Vorname und sein aggressives Verhalten geholfen haben: Je mehr er verrohte, umso größer waren seine Überlebenschancen. Sein Vorbild waren sowjetische Häftlinge, die den SS-Männern direkt in die Augen schauten, auch wenn sie dafür erschossen wurden.

Im Jänner 1945, kurz vor der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee, wurde Siegfried wie 2500 andere Häftlinge nach Mauthausen verschleppt. Während des Transports im offenen Wagon verlor er vor Kälte und Durst die Besinnung, er glaubt zu wissen, dass Partisanen bei einem Halt das Feuer auf die Wachmannschaft eröffneten und die kräftigeren Häftlinge im Tumult die Flucht ergriffen, aber was dann geschah, daran vermag er sich nicht zu erinnern.

Die Haare nicht!

Erst wieder an die Ankunft im Konzentrationslager, wo ihm, wie allen Neuzugängen, der Kopf geschoren werden sollte. Siegfried wehrte sich mit Händen und Füßen, Lagerführer Georg Bachmayer kam hinzu, der Junge schrie: "Die Haare nicht!", und Bachmayer gab, verblüfft von seiner Furchtlosigkeit, dem Ansinnen statt. Er ließ sich von ihm erzählen, was er in Auschwitz durchgemacht hatte, und führte Siegfried zu einer Baracke der Spanier, wo er ihn dem Stubenältesten, Saturnino Navazo, übergab. Dieser trage ab sofort die Verantwortung für den Jungen. "Navazo und ich sahen uns an", sagt Siegfried, "und sofort entdeckte ich in ihm den Vater, nach dem ich mich gesehnt hatte." Einen, der ihm Geborgenheit gab, Vertrauen, Zuversicht.

Saturnino stammte aus Hinojar del Rey, einem Dorf der Provinz Burgos, und war in Madrid, bei Deportivo Nacional, Profifußballer gewesen, ehe er im Bürgerkrieg gegen die aufständischen Militärs kämpfte, nach der Niederlage der Republik nach Frankreich floh, dort den Deutschen in die Hände fiel und nach Mauthausen deportiert wurde.

Seine Fußballkünste beeindruckten die Lager-SS, die ihn damit beauftragte, die Nationalspiele im Lager zu organisieren - eine ungarische Häftlingsauswahl gegen eine jugoslawische, eine polnische gegen eine spanische -, die meistens mit dem Turniersieg der Spanier endeten. Er wurde dem Kommando Küchendienst zugeteilt und nutzte diese privilegierte Stellung, um Lebensmittel zu schmuggeln und Nachrichten der illegalen Widerstandsgruppe weiterzugeben. Siegfried immer hinter ihm her, in einer Fantasieuniform, die ihm Häftlinge geschneidert hatten, und "wie ein Hündchen", sagt er. Denn: "Navazo hat mich gerettet."

"Du heißt Luis Navazo"

Nach der Befreiung am 5. Mai 1945 bemühte sich das Rote Kreuz darum, die jüdischen Überlebenden in Palästina, den Vereinigten Staaten oder der Schweiz unterzubringen. Aber Siegfried wollte bei dem bleiben, den er sich zum Vater erwählt hatte. Saturnino versuchte ihn umzustimmen, "wie sollen wir zu zweit durchkommen, ich kann dir nichts bieten, außer Fußballspielen habe ich nichts gelernt". Siegfried weinte, bettelte, Saturnino ließ sich erweichen. Und er schärfte dem Jungen ein, sich als sein Sohn auszugeben. "Merk dir das: Du heißt Luis Navazo. Du bist in Madrid geboren, in der Straße Don Quijote Nummer 34, im Viertel Cuatro Caminos."

Der Schwindel ging durch, Siegfried bekam Papiere auf den Falschnamen ausgestellt, gemeinsam mit Saturnino fuhr er nach Frankreich, wo sie sich in Revel, einer Kleinstadt nahe Toulouse, niederließen. Dort verliebte sich Saturnino in eine junge Frau, bekam mit ihr vier Kinder und schoss die Union Sportive de Revel zu drei Regionalmeistertiteln.

Für Siegfried, oder Luis, ging das Konzentrationslagerleben weiter. Er stahl, was und wo immer er stehlen konnte, Würfelzucker zu Hause ebenso wie Geld bei mildtätigen Nachbarn, die ihn zum Essen einluden. Einmal wurde er von einem Dienstmädchen überrascht, wie er einem Gönner gerade ein paar Scheine aus der Brieftasche zog.

Das Erste, was Saturnino tat, war, sich bei dem Mann für ihn zu entschuldigen. "Bitte verstehen Sie sein Verhalten. Zum Überleben hat er im Lager stehlen müssen. Er hat nichts anderes gekannt." Erst danach nahm Saturnino den Jungen beiseite. "Ich möchte, dass du ab jetzt vergisst, was du im Lager gelernt hast. Wenn du so weitermachst, landest du im Gefängnis. Das würde mir das Herz brechen." Die Zärtlichkeit, mit der Saturnino zu ihm sprach, habe ihn dazu gebracht, sich zu ändern.

Er redete nicht mehr darüber

Anfangs hatten ihn die Nachbarn nach seinen Erlebnissen im Lager ausgefragt. Er hatte wahrheitsgemäß geantwortet. Aber er merkte bald, sie glaubten ihm nicht, hielten ihn für einen Aufschneider oder für übergeschnappt. Daraufhin redete er nicht mehr darüber. Wurde er auf die Tätowierung an seinem Unterarm angesprochen, erwiderte er, das sei bloß die Versicherungsnummer. Auch seinen Kindern, später, hat er nie von Auschwitz und Mauthausen erzählt. Er bemühte sich zu vergessen.

Erst als er mit Ach und Krach, und zur unbändigen Freude Saturninos, die Pflichtschule beendet hatte, nahm Luis Navazo wieder seinen alten Namen an. Er wollte Schauspieler werden, aber die Karriere scheiterte schon in der Anfangsphase, an seinem traurigen Gesicht. Daraufhin nahm er Gesangsunterricht und trat unter dem Pseudonym Jean Siegfried zwölf Jahre lang als Chansonnier auf.

Er interpretierte Lieder von Boris Vian und Michel Legrand, bis Rock- und Beatmusik sich auch in Frankreich durchsetzten und das anspruchsvolle, von Jazz und Existenzialismus geprägte Chanson allmählich verdrängten. 1967 ließ er sich auf Ibiza nieder, wo er als Modeschöpfer und Betreiber mehrerer Gaststätten und Diskotheken erfolgreich war. "Ich hab alles getan, damit mein Pflegevater auf mich stolz sein konnte."

Kein Groll

Siegfried Meir ist nie wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Auch seine Leidensstationen Auschwitz und Mauthausen hat er nicht aufgesucht. Er hegt keinen Groll gegen die Deutschen, vermeidet es aber, sich der Muttersprache zu bedienen. Wenn in einem Restaurant am Nebentisch Deutsch gesprochen wird, schnürt es ihm die Kehle zu. Dann muss er sich an einen anderen Tisch setzen.

In Spanien, wo er heute noch lebt, ist Siegfried seines Retters wegen ansässig geworden, der am 27. November 1986 verstarb, friedlich und unerwartet auf einer Parkbank, auf dem Heimweg vom Bäcker. Saturninos Tod stürzte ihn in eine tiefe Depression. Binnen weniger Tage verspielte er sein gesamtes Vermögen beim Pokern. Und das war, wie er sagt, auch ganz gut so.

Die Geschichte der beiden findet sich in einem Buch des Journalisten Carlos Hernández de Miguel. Es trägt den Titel Los últimos españoles de Mauthausen ("Die letzten Spanier von Mauthausen") und ist Anfang dieses Jahres, am Holocaust-Gedenktag, in Madrid präsentiert worden. Mit dabei war Siegfried Meir, der deutsche Jude, der in einem republikanischen Spanier seinen Vater gefunden hat. (Erich Hackl, Album, 9.5.2015)

Erich Hackl, geb. 1954 in Steyr, ist Schriftsteller und Übersetzer. Zuletzt erschien von ihm: "Drei tränenlose Geschichten" (Diogenes, 2015).

www.mauthausen-memorial.at

  • Von Auschwitz nach Mauthausen: Der Holocaust-Überlebende Siegfried Meir (80) bei der Präsentation des Buches "Die letzten Spanier von Mauthausen" von Carlos Hernández de Miguel im Jänner 2015 in Madrid.
    foto: corbis

    Von Auschwitz nach Mauthausen: Der Holocaust-Überlebende Siegfried Meir (80) bei der Präsentation des Buches "Die letzten Spanier von Mauthausen" von Carlos Hernández de Miguel im Jänner 2015 in Madrid.

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