An Holls Haken hängend

10. Mai 2015, 09:00
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Zu seinem 85. Geburtstag am 13. Mai: Über das Fremdeln im Katholischen, die Ferne der Mystik und das Herantauchen an Adolf Holl

Die benediktinische Ordensschwester, die uns in der Volksschule anhand von Wilhelm Pichlers katholischem Religionsbüchlein mit den eindrücklichen, in der Ausgabe von 1964 schon färbigen Bildern von Philipp Schumacher, auf den Empfang des Allerheiligsten vorbereitete, hatte uns eingeschärft, ja nicht in die Hostie zu beißen und den Herrn Jesus zu verletzen: Der Blitz würde einschlagen, und wir würden augenblicklich zur Hölle fahren. Als ich bei der Erstkommunion aber zubiss und rein gar nichts geschah, war die Sache mit Jesus für mich erledigt.

Als mir Mitte der 1970er-Jahre ein Aktivist der Katholischen Arbeiterjugend ein Exemplar von Jesus in schlechter Gesellschaft in die Hand drückte, konnte ich damit nichts anfangen. Ich hatte gerade Ches Bolivianisches Tagebuch verschlungen. Von dem Gedanken, dass man zwischen beiden Büchern Kongruenzen herstellen könnte, war ich Lichtjahre entfernt. Als mich Bernhard Kraller im Sommer 1979 während einer gemeinsamen Autostopptour durch Italien andauernd mit Holls Mystik für Anfänger traktierte, geriet ich darob einmal so in Rage, dass ich ihm das Buch aus der Hand riss und in hohem Bogen in den Lago di Como werfen wollte. Mystik und Klassenkampf waren damals für mich unvereinbar. Heute sehe ich das anders und finde durchaus auch Parallelen zwischen Adolf Holl und Antonio Gramsci.

Die persönliche Bekanntschaft mit Adolf Holl verdanke ich Heinz Knienieder. Knienieder war Redakteur der Zeitschrift Wespennest, freier Mitarbeiter beim ORF-Hörfunk und ein Linksintellektueller der besonderen Art. Er war, als es noch keinen Zivildienst gab, Wehrdienstverweigerer, und Holl hat ihm als Kaplan im Pfarrhof Neulerchenfeld ein Versteck gewährt. Knienieder, der eine Dissertation über den Entfremdungsbegriff bei Marx verfasst hatte, hat Holl mit seiner umfassenden Kenntnis von französischer Philosophie und Frankfurter Schule beeindruckt. Als Heinz verstarb, wurde ich sein Nachfolger als samstäglicher Mittagsgast in Holls Arbeitswohnung in der Hardtgasse.

Womit ich Adolf Holl beeindruckte, weiß ich nicht recht. Interessiert haben ihn meine Erzählungen aus dem oberösterreichischen Landleben, mein ständiger Hader mit der SPÖ und meine Beschäftigung mit Blues- und Rockmusik. Einmal ist er mit mir zu einem John-Lee-Hooker-Konzert in die Arena gegangen. Wir sind ganz vorn an der Bühne gestanden. Ich war enthusiasmiert, Holl eher zurückhaltend. Was er von der Magie des Blues verspürt hat, vermag ich nicht zu sagen. Vom Healer, wie der alte Hooker nicht nur wegen einer damals gerade aktuellen LP genannt wurde, war Holl durchaus angetan. Als allerdings kürzlich wieder einmal die Rede auf den Blues kam, konnte sich Holl nicht mehr recht an den Abend erinnern. Er hat wohl im Gegensatz zu einer Aufführung von Mozarts Requiem eher wenig Bedeutung für ihn gehabt.

Lachender Christus

Seit 1985 bin ich nun im Genuss eines mittlerweile sechzigsemestrigen Privatcolloquiums in den Fächern Theologie, Religionssoziologie und Philosophie, verbunden mit Lesungen aus gerade entstehenden Büchern, und ich wurde dabei sukzessive von einem bornierten in einen katholischen Atheisten verwandelt. Zwischendurch durfte ich auch immer wieder als eine Art säkularer Ministrant mit Adolf Holl auftreten, das heißt etwa bei Buchpräsentationen ihn einleiten und moderieren. Dass er mir sein Buch Der lachende Christus gewidmet hat, ist eine Auszeichnung, von der ich mir nicht sicher bin, ob sie mir wirklich zusteht. Sicher ist, dass meine intensive Beschäftigung mit der Ikonografie des Kosmonauten Juri Gagarin, der auch im Lachenden Christus vorkommt, von Holls Denken stark beeinflusst ist.

Als ich Holl mit dem Vorhaben konfrontierte, zu seinem Achtziger ein Adolf-Holl-Brevier zusammenzustellen, wies er das als absolute Schnapsidee zunächst vehement von sich, hat mich dann aber bei der Auswahl der Texte großzügig beraten. Weil ich ihm während der Arbeit am Brevier einen privaten Murks verschwiegen hatte, schrieb er mir zwar dann ins druckfrische Buch "Ego te absolvo", hat mir die Sache aber einige Zeit doch nicht ganz verziehen. Als ich ihm kurz danach erzählte, dass ich mir überlegen würde, eine Psychoanalyse zu beginnen, blickte er mich erstaunt an und sagte: "Wozu brauchst du das? Du hast doch mich!"

Splitter eines Denkgebäudes

Josef Haslinger hat die Bedeutung, die die frühe Lektüre von Adolf Holls Büchern für ihn hatte, in einem Essay mit dem Titel Brevier beten mit Adolf Holl, nachzulesen in Wespennest 159, eingängig beschrieben. Über Holls aktuelles Buch schreibt Haslinger in einer Mail an Holl: "Ich habe gerade Braunau am Ganges fertiggelesen. Ein schöner essayistischer Spaziergang in die Welt des Heimlichen und Unheimlichen, des Heimischen und für unheimisch Gehaltenen.

Mir gefällt dein Denk- und Schreibstil, der uns Splitter statt eines Denkgebäudes liefert. Am Ende muss man dann doch wieder alles selber machen, nur fällt es am Ende dann nicht mehr so leicht, wie man am Anfang vielleicht noch gedacht hat. Die wirklich weisen Menschen machen alles nur noch komplizierter, darum werden sie nicht sonderlich geschätzt. Anstatt die alten Fragen endlich zu beantworten, stellen sie neue Fragen. Solche wie du können nicht aufhören, sich ein Leben zwischen Skepsis und Staunen einzurichten. Und man wird dann mit dem Einrichten auch nie fertig."

In einem Interview, das Erich Klein anlässlich des Erscheinens von Braunau am Ganges für den Falter geführt hat, sagt Holl: "Hitler steckt uns immer noch in der Gurgel." Das ist Holl live: ein dialektal durchfärbtes Sprechen, wie es niemand sonst beherrscht. Dass dieser einzigartige Denk- und Sprechstil in platonischer Dialogform jetzt auch schriftlich ausführlich dokumentiert ist, verdanken wir Egon Christian Leitner, der jüngst einen 450-seitigen Band Werkstattgespräche mit Adolf Holl herausgegeben hat. Und wer wissen möchte, wie Adolf Holl das Ave verum singt, der kann dies noch eine ganze Woche in Renata Schmidtkunzs Sendung Im Gespräch auf Ö1 nachhören.

Braunau am Ganges ist Adolf Holls zweiunddreißigstes Buch. Zu seinem dreißigsten hat er im Augustin verkündet, er werde insgesamt dreiunddreißig schreiben - je eines für jedes Lebensjahr von Jesus Christus. Mit dem Verfassen des dreiunddreißigsten hat er jetzt begonnen. Es wird noch nichts verraten, dem Vernehmen nach aber handelt es von Katzen.

Herr Jesus Christus, wenn es dich denn doch vielleicht irgendwo da oben gibt, dann bitte sorg dafür, dass der Adolf Holl doch mehr als dreiunddreißig Bücher schreibt. Und lass ihn bitte noch recht lang unter uns gesund und freundlich wandeln, auch wenn er manchmal etwas grantelt und ein bisschen stur ist. Was können wir denn dafür, dass du dich schon mit dreiunddreißig Jahren ans Kreuz hast nageln lassen? (Walter Famler, Album, 10.5.2015)

Adolf Holl, "Braunau am Ganges". € 17,90 / 144 Seiten. Residenz, St. Pölten 2015

Walter Famler (geb. 1958 in Bad Hall / OÖ) lebt als Generalsekretär Alte Schmiede / Kunstverein Wien und Kommandant der Bewegung KOCMOC / Gruppe Gagarin in Wien. Zu Adolf Holl von ihm herausgegeben: "Zwischen Wirklichkeit und Wahrheit" (gemeinsam mit Peter Strasser, Verlag Wespennest) und "Das Adolf Holl Brevier" (Residenz-Verlag, 2010)

  • Zwischen Skepsis und Staunen: Adolf Holl.
    foto: heribert corn

    Zwischen Skepsis und Staunen: Adolf Holl.

  • Mit "Braunau am Ganges" hat Holl gerade sein zweiunddreißigstes Buch vorgelegt.
    foto: heribert corn

    Mit "Braunau am Ganges" hat Holl gerade sein zweiunddreißigstes Buch vorgelegt.

  • Insgesamt will er 33 Bücher schreiben - für jedes Lebensjahr von Jesus Christus eines.
    foto: heribert corn

    Insgesamt will er 33 Bücher schreiben - für jedes Lebensjahr von Jesus Christus eines.

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