Körperverletzungsprozess: Romeo, Julia und eine Gaspistole

9. Mai 2015, 09:00
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Eine Schülerin und ihr Freund stehen vor Gericht, weil sie auf eine Klassenkollegin der 15-Jährigen geschossen haben sollen

Wien – Dass aus pubertierenden besten Freundinnen recht rasch erbittertste Feindinnen werden können, darf Richter Daniel Schmitzberger beim Prozess gegen Deniz D. und Rosa W. (Name geändert, Anm.) feststellen. Den beiden wird Körperverletzung beziehungsweise gefährliche Drohung vorgeworfen.

D. ist 20 Jahre alt, hat drei Vorstrafen und ist auch schon im Gefängnis gesessen. Eine Gaspistole hat er trotzdem. Mit der er seltsame Sachen anstellt – zum Beispiel in der Öffentlichkeit unmotiviert herumschießen.

So auch am 11. Februar. Er holte seine 15-jährige Freundin W. von der Schule ab. Man ging zur Straßenbahn, dann feuerte er zweimal in die Luft, sagt er. "Und warum?", interessiert Schmitzberger. "Ganz ehrlich? Ich habe nicht nachgedacht."

Nicht auf Kontrahentin gezielt

Erst danach will er bemerkt haben, dass Melanie D., eine Klassenkollegin seiner Freundin, mit zwei anderen Schülerinnen hinter ihnen ging. "Aber ich habe nicht auf sie gezielt oder so."

Die behauptet bei ihrer Zeugenaussage genau das. Fünf Minuten nach der Schussabgabe habe sie einen brennenden Schmerz am Knie gespürt. Am Abend entdeckte sie unter der Dusche dort ein Hämatom.

Tags darauf erzählte sie das dem Klassenvorstand und in der Direktion, die die Polizei verständigten. Als Deniz D. am Nachmittag neuerlich zur Abholung der Freundin kam, nahm ihn die Polizei mit.

Was wiederum Rosa W. in Rage versetzte. Man traf sich zufällig bei der Straßenbahnhaltestelle, W. stellte sich knapp vor ihrer Kontrahentin auf und wurde laut.

Drohung mit Kopfschuss und Schlägen

"Sie hat gesagt, dass sie mir in den Kopf schießen würde, wenn sie eine Waffe hätte", erzählt der Teenager. "Und dass sie mich gleich schlagen wird." Tat sie nicht, hat sie auch noch nie gemacht.

Die Zweitangeklagte, die Tränen in den Augen hat, seit sie auf der Anklagebank Platz genommen hat, will sich nicht mehr genau erinnern, was sie geschrien hat. Allerdings erinnert sie sich, am 11. Februar ihren Freund aufgefordert zu haben, zum Spaß gen Himmel zu ballern.

"Glauben Sie, dass er ein guter Umgang für Sie ist?", fragt die Staatsanwältin, erhält aber keine Antwort.

Es liegt an Schmitzberger, ein wenig mehr über den Hintergrund zu erfahren. "Wir waren einmal beste Freundinnen", sagt die Zweitangeklagte über ihre Kontrahentin. "Aber dann bin ich draufgekommen, dass sie öfters gelogen hat. Jetzt haben wir ein sehr schlechtes Verhältnis, wir haben uns auch gegenseitig aufgestachelt."

Cliquenbildung und hässliche Worte

Zeugin D. bestätigt das. "Wir waren Sitznachbarinnen und alles", schildert sie. "Aber dann haben sich Cliquen gebildet und wir uns auseinandergelebt." Was sich im Umgangston manifestierte. "Sie hat mich 'hässliche Fut', 'Schlampe' und 'Hure' genannt."

W.s Verteidiger will umgekehrt von Melanie D. wissen, ob sie "Hure" und "Schlampe" auf den Tisch seiner Mandantin geschrieben habe. Was die Zeugin bestreitet, sie habe dafür wiederum Zeugen.

Dann treten weiter Vertreter der beiden Cliquen auf. Die eine Hälfte sagt, der 20-Jährige habe Richtung Melanie D. gezielt, die andere Hälfte logischerweise das Gegenteil. Ein Ohrenzeuge will an der Straßenbahnhaltestelle auch nichts von einer Drohung gehört haben.

Schmitzberger spricht das angeklagte Paar schließlich rechtskräftig frei. "Solche Streitigkeiten gehören nicht vor das Strafgericht", hält er in seiner Begründung fest. Er glaubt zwar schon, dass Deniz D. in Richtung von Melanie D. gezielt hat, dass die verletzt wurde, glaubt er dagegen nicht – schließlich waren nur Platzpatronen drin.

Milieubedingte Unmutsäußerungen

Auch W. wird vom Vorwurf der gefährlichen Drohung freigesprochen, wenn die Kopschussdrohung überhaupt gefallen sein sollte, sei es eine milieubedingte Unmutsäußerung. Einen weisen Rat hat der Herr Rat auch noch: "Schauen Sie, dass Sie diese Streitigkeiten unter Kontrolle bekommen." (Michael Möseneder, 8.5.2015)

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