Sollen Unis nur mehr "nützlich" sein?

Interview8. Mai 2015, 13:06
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Gerhard Casper, ex-Präsident der renommierten Stanford University sorgt sich über den Imperativ der Nützlichkeit von Unis als Wirtschaftslokomotive

Der deutsche Jurist Gerhard Casper war von 1992 bis 2000 Präsident der renommierten Stanford University (US-Bundesstaat Kalifornien). Bei der traditionellen feierlichen Sitzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) am Freitag in Wien hielt er die Festrede. Im Interview spricht er über die Nützlichkeit von Unis und Forschung und über Probleme mit Drittmitteln.

APA: Sie wagen es tatsächlich heute in der ÖAW, einem Hort des zwecklosen Strebens nach Wahrheit und Erkenntnis, über die "Nützlichkeiten der Universitäten und der Forschung" zu sprechen?

Casper: Ich kommen aus einer Universitätstradition, wo von Nützlichkeit nicht viel geredet wurde. Die Humboldtsche Universität war eine, die die Wahrheit suchte. Das ist inzwischen völlig überholt. Es gibt kein Land der Welt mehr, wo nicht die Frage gestellt wird, sind unsere Universitäten auch von Nutzen für unser Land, für die Gesellschaft.

APA: Worin liegt denn nun der Nutzen der Universität?

Casper: Nachdem der Begriff Universität inzwischen kaum noch eine klare Definition hat, ist es so gut wie unmöglich etwas verallgemeinernd über den Nutzen zu sagen. Es gibt in den USA 4.000 tertiäre Einrichtungen, das Spektrum reicht von den besten Unis der Welt bis zu Institutionen, die mit Oberschulen zu vergleichen sind. Wenn wir ein Urteil fällen wollen, müssen wir zunächst nach den Zwecken dieser Einrichtungen fragen. Nur dann kann man die Frage nach der Nützlichkeit beantworten.

APA: Aber besteht nicht die Gefahr, dass sich an der Nützlichkeit orientierte Universitäten ökonomischen Bedürfnissen unterordnen?

Casper: Mir macht Sorge, dass heute die meisten Universitäten als Lokomotiven für den wirtschaftlichen Aufschwung gefördert werden. Je mehr wir Universitäten als Einrichtungen der direkten Wirtschaftsförderung sehen, von denen wir unmittelbare Nützlichkeit erwarten, desto mehr rückt die zweckfreie Forschung in den Hintergrund. Ich plädiere für eine mittelbare Nützlichkeit, die wenig direkten Zweck verfolgt, so unsicher ist, dass man nicht weiß was rauskommt, und so zu völlig unerwarteten Neuerungen führen kann.

APA: Aber ist nicht gerade die Universität Stanford eine solche Lokomotive des Silicon Valley?

Casper: Stanford und seine Rolle im Silicon Valley werden völlig missverstanden. Die meisten glauben, dass es zwischen uns und dem Valley eine symbiotische Beziehung gibt und wir mit diesen Firmen eng zusammenarbeiten. Das tun wir nicht, wir machen keine Auftragsarbeit für irgendjemanden im Valley. Wir arbeiten nur bei gemeinsamen intellektuellen Interessen zusammen. Unser Hauptbeitrag zum Valley ist nicht die Beteiligung an Gründungen, sondern es sind unsere Studenten.

APA: Das Motto der Stanford University lautet "Die Luft der Freiheit weht". Wenn nun die Universitäten nicht frei vom Zwang zur Nützlichkeit sind, welche Freiheit brauchen sie dann?

Casper: Rede- und Meinungsfreiheit sind noch immer sehr wichtig, vor allem in Gesellschaften, wo Parteipolitik eine große Rolle spielt. Noch viel wichtiger, und das gilt sowohl für die Grundlagen- als auch für die angewandte Forschung, ist, dass die Wissenschafter die Formen der Fragestellung bestimmen und wie sie an Sachen herangehen. Und dass ihnen dabei weder von Spendern, sei es der Staat oder Private, noch von der Politik hineingeredet wird.

Wir müssen unsere Gesellschaften davon überzeugen, dass sie ohne kontinuierliche Investitionen in Institutionen, die eine rigorose Wahrheitssuche mit der Freude über Zufallsentdeckungen verbinden, ärmer werden. Der Wunsch nach Nützlichkeit der Wissenschaft darf den mittelbaren und ungewissen Nutzen nicht vernachlässigen.

APA: Dennoch gilt das Prinzip "Wer zahlt, schafft an".

Casper: Ich sehe hier durchaus die Gefahr einer Instrumentalisierung von Einrichtungen des tertiären Sektors zugunsten von wirtschaftlichen und politischen Interessen, besonders auch in Gestalt von Drittmittelgebern. Wobei man zwischen den verschiedenen Arten von Drittmittel-Quellen unterscheiden muss.

APA: Inwiefern?

Casper: Am wenigsten problematisch sehe ich die Drittmittel staatlicher Wissenschaftsfonds, wenn sie ihr Geld auf Basis von Expertengutachten vergeben. Nicht unproblematisch sehe ich die großen Förderstiftungen, wie die Volkswagen- oder die Thyssen-Stiftung in Deutschland, oder die Ford- oder Rockefeller-Stiftung in den USA. Denn diese haben sehr klare Vorstellungen, was sie bewirken wollen, und verfolgen Interessen, die sich nicht unbedingt mit jenen der Universitäten decken. Von großer Bedeutung für US-Unis sind Privatstiftungen. Ob diese Probleme für die akademische Freiheit bringen, hängt von den Beziehungen zwischen Universität und Spendern sowie deren Prioritäten ab.

Sehr schwierig sind Drittmittel aus der Industrie. Das ist nur denkbar, wenn das Arrangement mit dem Geldgeber völlig transparent ist, die akademische Freiheit vertraglich gesichert und die Öffentlichkeit des geistigen Eigentums sichergestellt ist. Schließlich gibt es Auftragsforschung und da bin ich sehr skeptisch, da besteht die Gefahr, dass sich der Charakter einer Institution ändert.

APA: Bei der Auftragsforschung wird aber immer wieder das Argument des Wissenstransfer genannt, ist der nicht wichtig?

Casper: Die Hauptform von Wissenstransfer sind die Studenten, darauf sollten wir uns einstellen. (8.5.2015)

  • Gerhard Casper: Wahrheitssuche als Identität und Sinn einer Universität? Überholt. Es wird nach dem Nutzen gefragt.
    foto: matthias cremer

    Gerhard Casper: Wahrheitssuche als Identität und Sinn einer Universität? Überholt. Es wird nach dem Nutzen gefragt.

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