Ruth Rendell: Verbrechen, Psyche und andere Zufälligkeiten

8. Mai 2015, 17:28
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Die vergangene Woche 85-jährig verstorbene Schriftstellerin gehörte zu den bedeutendsten Krimiautorinnen - nicht nur Englands. Eine Relektüre

Sie hat über 60 Bücher veröffentlicht und war eine der erfolgreichsten Autorinnen - weit über Großbritannien hinaus. Ruth Rendell, die Frau mit den kurzen blonden Haaren und mehreren Namen, geboren als Ruth Barbara Grasemann in London, verwendete das Pseudonym Barbara Vine für ihre Psychothriller. Als Ruth Rendell firmierte sie als Krimiautorin.

Die von der Schriftstellerin selbst vorgenommenen Unterscheidungen sind indessen nicht wirklich streng auseinanderzuhalten. Denn Rendell lieferte in ihren Kriminalromanen nicht nur die Auflösung des Falles, sondern entwickelte oft parallel dazu die inneren Kämpfe in der Psyche ihrer Protagonisten.

Oft sind es ganz normale Familien, die nach außen hin funktionieren und dann wegen innerer und äußerer Katastrophen implodieren, weil die destruktiven Dynamiken nicht mehr zu beherrschen sind.

Es entwickeln sich viele Handlungsstränge nebeneinander, die die Autorin souverän zu einem Ganzen verknüpft. Soziale Demarkationslinien, genau beobachtete Alltäglichkeiten und Zufälligkeiten aller Art, die das Geschehen in unerwartete Richtungen lenken, faszinierten sie.

1964 erschien der erste Krimi mit der Figur, die das Schaffen Rendells viele Jahre lang begleiten sollte: Chiefinspector Wexford von Scotland Yard. Sein angestammtes Revier ist das verschlafene Örtchen Kingsmarkham in Sussex. Eine Gegend, die auch Rendell schätzte, sie bewohnte hier ein altes Farmhaus.

Landidylle war jedoch nicht Rendells Terrain. Die Dorfbewohner von Kingsmarkham sind genauso vorurteilsbehaftet wie anderswo, Bürgerwehren und gewalttätige Demonstrationen sind auch hier nicht unbekannt. Wexford stellt sein Licht gern unter den Scheffel und markiert den Landpolizisten, weswegen er von den Schurken leicht unterschätzt wird.

Wexford, sarkastisch und wortkarg, wurde denn auch zur Figur in mehreren Filmen für Kino und TV. Ironie und ein wenig Boshaftigkeit, eine wunderbare Mischung, die sich zudem auf hohem sprachlichem Niveau bewegt, waren Rendells Markenzeichen.

Anspruchsvolle Qualität

Wie ihre berühmte Kollegin P. D. James wurde auch Rendell von der Queen in den Adelsstand erhoben und war für die Labour Party Mitglied des House of Lords. In einem ihrer Krimis aus dem viktorianischen England schildert sie die skurril-archaischen Zeremonien dieser Institution mit Ironie und gleichzeitigem Respekt (Königliche Krankheit unter dem Namen Barbara Vine).

Es erstaunt, wie die große alte Dame angesichts ihrer vielen Romane und Erzählungen eine gleichbleibend anspruchsvolle Qualität auch in Bezug auf ihre Plots halten konnte. Darin ist sie ziemlich singulär, und da es ohnehin unmöglich ist, sich an all ihre Bücher zu erinnern, kann man getrost wieder von vorn anfangen. Mit Alles Liebe vom Tod zum Beispiel. (Ingeborg Sperl, Album, 8.5.2015)

  • Ironie und eine Portion Boshaftigkeit: Ruth Rendell.
    foto: ap/jane mingay

    Ironie und eine Portion Boshaftigkeit: Ruth Rendell.

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