TV-Doku "Der Unglücksbringer" über Robert Durst bei Sky

8. Mai 2015, 11:51
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Sechsteilige HBO-Dokureihe von Regisseur Andrew Jarecki führte zu Anklage an unter Mordverdacht stehenden Millionär - Ab 14. Mai auf Sky Atlantic HD

Wien/New York (APA) - Ein unfreiwilliges Geständnis als goldener TV-Moment: "Was zur Hölle hab ich getan?", murmelt der seit über 30 Jahren unter Mordverdacht stehende Robert Durst in einem unbemerkten Moment. "Sie alle umgebracht, natürlich." Die Worte sind die letzten der HBO-Dokureihe "Der Unglücksbringer", die zur Verhaftung des Multimillionärs führte und ab 14. Mai auf Sky Atlantic HD zu sehen ist.

Über sechs jeweils 45-minütige Folgen hatte sich US-Regisseur Andrew Jarecki dem Exzentriker genähert, sein Vertrauen gewonnen, mit ihm all jene Mordfälle durchgekaut, denen der Spross einer New Yorker Immobilien-Dynastie von Behörden und Angehörigen verdächtigt wird, aber für die er nie verurteilt wurde.

Zunächst war es Notwehr

Nach dem Verschwinden seiner ersten Ehefrau Kathleen Durst 1982 fehlte die Leiche, nach dem Mord an seiner besten Freundin Susan Berman, einer im wieder aufgerollten Fall wichtigen Zeugin, 2000 mangelte es an Beweisen - und nachdem Durst 2001 seinen Nachbarn Morris Black getötet und zerstückelt hatte, plädierte sein Anwaltsteam vor Geschworenen doch tatsächlich erfolgreich auf Notwehr. Stets beteuerte Durst seine Unschuld, gab niemals Interviews - bis Jarecki ihn als Inspiration für seinen Spielfilm "All good things" (2010) mit Ryan Gosling hernahm und damit das Interesse des heute 72-Jährigen weckte.

Über mehrere Jahre folgten mehr als 20 Stunden Interviews mit Durst, die Jarecki in seiner als True-Crime-Drama aufbereiteten Doku mit Gesprächen mit Ex-Ermittlern, Anwälten, Angehörigen und Journalisten, Bild- und Tonaufnahmen aus Gerichtsprozessen und -verhören, Archivfotos und anspruchsvoll inszenierten Reenactments verwebt.

Früh traumatisiert

Mit drastischen Polizeifotos, die Blacks abgetrennte Körperteile zeigen, startet "Der Unglücksbringer: Das Leben und die Tode des Robert Durst", und konfrontiert den Zuseher von Anfang an mit jener Grausamkeit, die so gar nicht mit dem fragil scheinenden, grauhaarigen, vom Selbstmord seiner Mutter früh traumatisierten Robert Durst in Einklang gebracht werden kann.

Er sei kein Mörder, sondern ein "jinx", also ein Pechvogel oder Unglücksbringer, bringt Durst an einer Stelle den Titel der Dokureihe gewohnt emotionslos selbst auf. Widersprüchliche Aussagen, bizarres Verhalten und Gewaltausbrüche lassen auf anderes schließen. Als Zuseher, der von der Anklage wegen Mordes durch die zuständige Staatsanwaltschaft in Los Angeles kurz nach Ausstrahlung der Dokureihe in den USA am 16. März weiß, kauft man Durst die beteuerte Unschuld von Anfang an nicht ab, auch wenn seine Familiengeschichte mitunter betroffen macht.

Ermittlungsfehler

An Spannung büßt die Serie dennoch nicht ein, fiebert man doch bald weniger der Frage entgegen, ob Durst nun schuldig ist, sondern wie er auffliegen wird. Und gehen Jarecki und sein Produzent Marc Smerling ("Capturing the Friedmans") viel weiter, legen Ermittlungsfehler offen, klagen den Rechtsstaat und unser kapitalistisches System an, das es reichen Familien möglich zu machen scheint, sich aus unangenehmen Situationen hinaus zu kaufen.

Schließlich läuft alles auf jene letzte Episode hinaus, in der das Filmteam selbst vor die Kamera tritt und Durst schließlich mit neuen Beweismitteln konfrontiert. Der wird danach im Hotelbadezimmer stehen, das kabellose Ansteckmikrofon noch an seinen Pullunder geheftet, und sagen: "Das ist es. Du bist ertappt."

Dass das genuschelte Selbstgespräch eines möglicherweise bipolaren, alten Mannes als stichfestes Geständnis vor Gericht standhält, wird zwar bezweifelt. Mehr Gewicht dürfte da die handgeschriebene Notiz von Susan Bermans Mörder haben, die die Filmemacher der Handschrift Dursts zuweisen konnten. Ein grandioses Stück Fernsehkunst hat Jarecki abgeliefert. Nun liegt es an anderen, Gerechtigkeit zu schaffen. (Angelika Prawda, APA, 8.5.2015)

  • True-Crime-Drama auf HBO über den Mordangeklagten Robert Durst.
    foto: ap / gerald herbert

    True-Crime-Drama auf HBO über den Mordangeklagten Robert Durst.

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