Machtkampf in der Familie

Kolumne10. Mai 2015, 09:00
102 Postings

Warum Bestrafung und Belohnung nicht helfen, sondern Einfühlungsvermögen gefragt ist

Frage:

Es geht um unseren ältesten Sohn, der bald sieben Jahre alt wird. Er hat eine starke Persönlichkeit und ist sehr anspruchsvoll. Seine Motorik war immer schon sehr fortgeschritten. Er hat großes Vertrauen in seine Fähigkeiten und ist ein einfühlsamer und süßer Bruder, wenn er mit seinen jüngeren Geschwistern spielt. Mit Freunden, die er gut kennt, gibt es kaum Probleme.

Mit Erwachsenen ist es schwierig. Denn er hört nicht auf sie, sondern macht das, was er will. Er nimmt sie einfach nicht ernst.

Er hat einen starken Sinn für Gerechtigkeit. Wenn er sich ungerecht behandelt fühlt, vor allem seinen Geschwistern gegenüber, wird er schnell wütend, knallt die Türen zu, schreit, schimpft und schlägt seinen kleinen Bruder.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass er sich wegen nichts aufregt und er nur seinen Weg gehen will. Es ist sehr anstrengend, vor allem weil seine Stimmung oft sehr schnell umschlägt.

Er kann allerdings auch sehr charmant und sanft sein. Dann sagt er die richtigen Dinge im richtigen Moment und ist sehr beliebt bei anderen Kindern.

Zu Hause haben wir eine strenge Linie. Wir haben es beispielsweise mit einem Belohnungssystem versucht, wenn er sich beim Abendessen gut benommen hat. Aber das hat nur eine Zeitlang funktioniert. Mittlerweile scheint es so, als ob es ihn gar nicht mehr stört, wenn er kein Lob mehr bekommt. So haben wir die Art der Belohnung verändert. Wenn er sich gut benimmt, bekommt er nun einen Ausflug in den Zoo oder ins Kino. Auch das klappt nicht mehr.

In der Schule lernt er schnell. Aber auch hier hört er nicht auf Erwachsene, er dominiert das Spiel, will im Mittelpunkt stehen, macht oft Witze und tritt in Konflikt mit "starken" Persönlichkeiten. Ich bin es schon leid, immer negative Rückmeldungen aus der Schule zu bekommen, obwohl er sich dort ganz wohlfühlt, trotz der Konflikte mit Kindern und Erwachsenen.

Ich hätte deshalb gerne ein paar Tipps, wie es möglich ist, ihn zu ändern, seine Persönlichkeit zu dämpfen, damit er nicht mehr so seltsam und schwierig wie jetzt ist. Was wäre am effektivsten: Strafe oder Belohnung?

Antwort:

Weder noch – wie Sie es ja bereits aus eigener Erfahrung wissen. Ich habe das Gefühl, dass dieser Junge bereits viel zu viel an Bildung und zu viele Strategien und Taktiken (beides Begriffe dafür, wenn sie einen Kontrahenten für sich gewinnen wollen) erleben hat müssen. Um es auf den Punkt zu bringen, die negativen Seiten davon sind, dass er die beiden Aspekte verkörpert und sich sowohl seinen Eltern als auch seinen Altersgenossen gegenüber respektlos zeigt. So ist er nicht geboren. Damit stellt sich die Frage: Wie konnte er so werden?

Die Antwort liegt auf der Hand: Er hat es in seiner Familie von seinen Eltern gelernt. Nun werden Sie vermutlich laut protestieren und behaupten, dass Sie sich nicht so verhalten, wie ich glaube. Er ist keine Kopie seiner Eltern, aber sein Verhalten ist eine Folge davon, wie Sie ihm die ersten zwei oder drei Jahre begegnet sind. Hier ist meine Theorie:

Ich bin besorgt über "richtig und falsch" sowie "positiv und negativ". Das bedeutet, dass ein Verhalten schnell kategorisiert und in eine Schublade von Meinungen und Vorurteilen gesteckt wird.

Wenn das der Fall ist, haben Kinder zwei Möglichkeiten: Entweder sie übernehmen die Werte der Eltern und nutzen diese aktiv in Beziehung zu anderen, oder sie halten ein "niedriges" Profil und hoffen, dass das sie damit "richtig" sind.

Das gleiche Muster findet sich häufig in Familien, in denen Eltern nicht wirklich bestimmte Werte leben und sich wie ein Fähnchen im Wind drehen. Das eine Kind wird zum aktiven Moralisten, das andere schwimmt mit dem Strom. Ich erwähne das in der Hoffnung, vermeiden zu können, dass Sie glauben, die Schuld zu tragen. Es ist nicht Ihre Schuld, dass Ihr Sohn ist, wie er ist. Sein Verhalten ist nur die Folge dessen, wer Sie sind und was Sie tun oder nicht tun.

Sie schreiben, dass Ihr Sohn einen starken Sinn für Gerechtigkeit hat. Das ist bei den meisten Kindern so, aber bei Kindern, die ein zu hohes Maß an Gerechtigkeit erlebt haben – zum Beispiel Werte durchzusetzen, um fair zu bleiben –, passiert eine Art Kurzschluss. Ihr Sohn hat offensichtlich eine Menge Überzeugungen von Ihnen als deutlich ungerecht erlebt. Die Erklärung dafür ist einfach: Er ist ein Kind und hat allen Grund, sich so zu verhalten, wie er ist. Wenn er sich sozusagen "daneben" benimmt, ist seine Hoffnung, dass Sie sich nicht als Richter zeigen, sondern ihm genug Vertrauen schenken und sich für ihn und seine Gefühle interessieren.

Zur gleichen Zeit hatte Ihr Sohn das Glück vieler guter Dinge. So hat er bestimmt auch viel Lob für sein gutes Verhalten bekommen, umso mehr schmerzt es allerdings auch, ständig kritisiert zu werden.

Stellen wir uns vor, ein Kind lebt im ständigen Spannungsverhältnis zwischen Positiv und Negativ und schafft es nicht, es selbst zu sein. Daher hilft es nicht, ihn für Positives zu loben oder für Negatives zu bestrafen. Das erhöht lediglich die Aufregung und den Schmerz. Er weiß um Ihre Werte Bescheid. Was es nun braucht, ist ein Gehört- und Ernstgenommenwerden in dem, wie er ist, und ich hoffe, dass es dafür nicht zu spät ist.

Meine Theorie kann auch falsch sein! Die beste Möglichkeit, das herauszufinden, ist, wenn Sie bei sich nach innen sehen und sich selbst fragen: Halten wir kategorisch an unseren Meinungen und Einstellungen fest? War es für einen von uns Eltern während eines bestimmten Zeitraums auch schwierig? Ist einer von uns als Erwachsener auch eine starke und schwierige Persönlichkeit?

Wenn meine Analyse nur zum Teil richtig ist, so glaube ich, dass Sie professionelle Hilfe benötigen. Ihre Werte sind so wichtig und integriert in Ihrem Leben. Es liegt in der Natur des Menschen, dass es schwierig ist loszulassen, und ihr Sohn wird nicht damit aufhören, sich selbst zu verteidigen.

Ein erfahrener Familienberater oder eine Beraterin kann Ihnen helfen, Ihren Sohn zu sehen, wie er ist, und Sie können dabei mehr Nuancen in Ihrer Art und Weise entdecken, wie Sie mit den provokanten Aspekten seines Verhaltens umgehen, ohne dabei Ihre eigenen Werte zu verkaufen. (Jesper Juul, 10.5.2015)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 24. Mai.

  • Das Kind ist "schwierig"? Jesper Juul sagt, Eltern sollen sich folgende Frage stellen: Ist einer von uns als Erwachsener auch eine starke und schwierige Persönlichkeit?
    foto: katrin burgstaller

    Das Kind ist "schwierig"? Jesper Juul sagt, Eltern sollen sich folgende Frage stellen: Ist einer von uns als Erwachsener auch eine starke und schwierige Persönlichkeit?

Share if you care.