Unsere Verantwortung

Kommentar7. Mai 2015, 18:46
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Erinnern an das Kriegsende: Sich dem stellen, was "Nie wieder" heute heißt

Die mit "Befehl" überschriebene Aufforderung an deutsche Soldaten, die Kämpfe in Berlin einzustellen, beginnt so: "Am 30. 4. 45 hat sich der Führer selbst entleibt und damit uns, die wir ihm die Treue geschworen hatten, im Stich gelassen." Diesem Schreiben vom 2. Mai 1945 in Berlin folgte in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai eine Erklärung, die das Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutete: "Wir (...) erklären hiermit die bedingungslose Kapitulation aller am gegenwärtigen Zeitpunkt unter deutschem Befehl stehenden oder von Deutschland beherrschten Streitkräfte", heißt es im ersten Satz des Dokuments, das für die deutsche Wehrmacht drei Kommandierende und Vertreter der vier Alliierten am Sitz der sowjetischen Militäradministration unterzeichnet hatten. In der Villa in Berlin-Karlshorst, heute Sitz des Deutsch-Russischen Museums, sind im sogenannten Kapitulationssaal die zerschlissenen Papiere zu sehen.

Der 8. Mai 1945 war nicht nur für Deutschland eine Stunde der Befreiung, wie dies der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag erstmals formulierte. Mit der totalen Niederlage begann die Stunde null und Deutschlands langer Weg nach Westen, wie der Historiker Heinrich August Winkler die politische Neuorientierung (West-)Deutschlands überschrieb. In seiner vierbändigen "Geschichte des Westens" nennt er Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie als kennzeichnende Werte, die für Ostdeutsche erst ab 1989 galten. "Kein anderes Land hat sich einer ähnlichen Erinnerungsarbeit unterworfen und die Zeichen der moralischen Schande so sichtbar gemacht", stellte Winklers Kollege Herfried Münkler fest. "Nie wieder!" ist zum deutschen Selbstverständnis geworden.

Dagegen hat es sich Österreich nach dem 8. Mai bequem im Opfermythos eingerichtet, nach dem Motto: "Nur nicht daran rühren!" Die Anerkennung des Anteils von Österreichern an Schandtaten in der NS-Zeit erfolgte "spät, für manche zu spät", wie der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck jüngst bei seiner Rede in Wien am Gedenktag der Gründung der Republik vor 70 Jahren sagte. Er erinnerte an die Worte des damaligen Bundeskanzlers Franz Vranitzky, die erst 1991 fielen.

Deutschland hat früh uneingeschränkt ein Bekenntnis zu seiner Schuld abgegeben und Verantwortung übernommen. Österreich hat sich durchlaviert und setzt erst jetzt Zeichen der Rehabilitation wie das hart erkämpfte Denkmal für die Wehrmachtsdeserteure auf dem Ballhausplatz. Es braucht diese sichtbaren Zeichen wie Alfred Hrdlickas Skulptur vom straßenwaschenden Juden bei der Albertina – umso mehr, da die letzten Zeugen nicht mehr lange in Schulen oder im Burgtheater selbst davon erzählen können, wohin Verblendung, Rassismus und Ausgrenzung führen.

Daran erinnerte auch Christine Nöstlinger diese Woche in ihrer bemerkenswerten Rede zum Jahrestag der Befreiung des KZs Mauthausen. Für die nachfolgenden Generationen heiße dies: "Frei von Schuld zu sein heißt aber nicht, frei von Verantwortung zu sein!", sagte die Autorin im Parlament.

Diese Verantwortung geht jeden Einzelnen, jede Einzelne etwas an. In der heutigen Zeit bedeutet dieses "Nie wieder!" aufzustehen, wenn wieder Stimmung gemacht wird, gegen Minderheiten, Ausländer oder Andersdenkende – im Wissen, wozu das führen kann. (Alexandra Föderl-Schmid, 7.5.2015)

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