Pflegeheime: Volksanwalt rüttelt an ärztlicher Schweigepflicht

8. Mai 2015, 05:30
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Mit Kritik an der Übermedikation von Heimbewohnern löste Volksanwalt Günther Kräuter viel Empörung aus. Er kündigt weitere Überprüfungen an

Grafenwörth/Wien – Sie sei "völlig fertig" gewesen, als sie vor fast zehn Jahren ins Krankenhaus und dann ins Pflegeheim in Grafenwörth gebracht wurde. "Ich habe nicht gewusst, was los ist", schildert die 81-jährige Helene L. Sie habe nicht mehr gehen können. Dann sei sie im Spital medikamentös gut eingestellt worden. Heute sagt sie: "Ich meine, ich bin zufrieden."

L. ist Bewohnerin einer Pflegeeinrichtung des privaten Betreibers Senecura im Norden Niederösterreichs. 60 der 150 dort Wohnenden haben Demenz. Wohnbereiche und Garten sind den Bedürfnissen dieser Patientengruppe stark angepasst: Schwarz-Weiß-Fotos hängen an den Wänden, in einem Zimmer stehen nur alte Möbel, die Demenzstation ist in kleine Wohngruppen unterteilt. Auf Volksanwalt Günther Kräuter ist der Betreiber, ein großer privater Träger, hier nicht gut zu sprechen.

Negative Folgen

Kräuter stellte im Jahresbericht 2014 einen "unkritischen Umgang mit Schlaf- und Beruhigungsmitteln" in österreichischen Pflegeeinrichtungen fest. Dieser habe "gravierende negative gesundheitliche Folgen" und schränke die "Mobilität und Lebensqualität älterer Menschen" ein. Kräuter zitierte eine deutsche Studie, die allerdings bereits 2011 publiziert wurde, wonach in Österreich drei Viertel der Heimbewohner medikamentös beruhigt würden, in Deutschland nur die Hälfte.

"Absoluter Schwachsinn"

"Das ist absoluter Schwachsinn und die Studie uralt", sagt Johannes Wallner, Senecura-Direktor und Senior-Präsident des Bundesverbands der Alten- und Pflegeheime Österreichs. Die mobile Betreuung Hochbetagter sei hierzulande eben stärker ausgebaut, daher kämen die Menschen erst später und somit mit mehr gesundheitlichen Problemen in ein Heim. Wenn man auf demente Menschen entsprechend eingehe, könne man aber die Medikation oft senken - beispielsweise wenn man ihnen Aktivitäten ermögliche. In der Grafenwörther Pflegeeinrichtung, die sich lieber Sozialzentrum nennt, kommen zum Beispiel regelmäßig die Kinder des angrenzenden Kindergartens zu Besuch. Es gibt Tanz-, Bastel- und Gebetsgruppen sowie Platz für Bewegung.

Klar ist: Das Problem wächst. Die Bevölkerung wird immer älter, und rund jeder vierte 80-Jährige leidet an Demenz. Im Jahr 2000 waren in Österreich insgesamt 90.500 Personen dement, im Jahr 2050 sollen es nach Expertenschätzung mehr als 230.000 sein. Die Regierung hat sich vorgenommen, bis Jahresende eine Demenzstrategie zu erarbeiten.

"Zuhause mehr Medikamente"

"Wenn die Leute von zu Hause kommen, nehmen sie oft noch viel mehr Medikamente", sagt Wallner zum Vorwurf der Übermedikation. Nur knapp 2,6 Prozent der Bewohner von Senecura-Heimen bekämen Schlafmittel. Wie viele Medikamente aber zusätzlich verabreicht werden, die nicht ausschließlich sedierende Wirkung haben, sagt Wallner nicht. Er meint jedenfalls, Kräuter habe mit seinen Aussagen "die ganze Branche diskreditiert".

Volksanwalt Kräuter sieht sich hingegen durch "zahlreiche Reaktionen" bestätigt. Bei mindestens 20 bis 30 Einrichtungen werde er aufgrund der eingelangten Schilderungen weitere Kontrollbesuche anregen. Zur Kritik, aufgrund von Einzelfällen würden falsche Schlüsse gezogen, sagt Kräuter: "Ich kritisiere keine Berufsgruppe, sondern ein System. Unsere Erkenntnisse aus Kommissionsbesuchen, Stellungnahmen aus Gesundheitsberufen und verschiedenen Studien zeigen, dass es sich hier nicht nur um einzelne schwarze Schafe handelt."

"Kein Bundesland nicht betroffen"

Es habe sich auch Pflegepersonal mit jahrzehntelanger Erfahrung an ihn gewandt, sagt Kräuter, das nicht mehr ertrage, was in einzelnen Einrichtungen vor sich gehe. "Es gibt kein Bundesland, das davon nicht betroffen ist", sagte Kräuter. "Es geht uns nicht darum, jemanden anzuprangern, uns geht es um den präventiven Schutz hochbetagter Menschen."

Schweigepflicht lockern

Kräuter kritisiert, dass wichtige Gesundheitsdaten nicht an das pflegende Personal weitergegeben würden, und fordert, diplomiertes Personal in den Pflegeeinrichtungen solle in die Dokumentation der Ärzte Einblick erhalten. "Die ärztliche Verschwiegenheitspflicht muss gegenüber der Pflegeeinrichtung aufgehoben werden, was ja auch bei Akutfällen sinnvoll ist." Zudem muss aus Kräuters Sicht die ärztliche Geriatrieausbildung verbessert werden.

Kräuter verweist auf ein Pilotprojekt in Bad Gastein in Salzburg, wo Pflegepersonal, Arzt und Apotheke zwischen Oktober 2013 und November 2014 versuchten, die Medikation von 72 Patienten, die im Schnitt 82 Jahre alt waren, zu verbessern. Bei 40 Prozent der analysierten Patienten wurde die Verordnung von Schlaf- und Beruhigungsmitteln geändert. Bei sieben Prozent konnten die Schlaf- und Beruhigungsmittel überhaupt abgesetzt werden.

Im Gesundheitsministerium heißt es dazu, es liege eine "Missinterpretation der ärztlichen Schweigepflicht" vor. Eine entsprechende Änderung im Ärztegesetz könne man "bei einer nächsten Novellierung mitdenken". Einen Zeithorizont dafür oder konkrete Gespräche darüber gebe es aber nicht.

Ärzte: Keine Novelle nötig

Seitens der Ärztekammer sieht man keine Notwendigkeit für eine Novellierung des Ärztegesetzes. Kommunikationsprobleme in dem Bereich nehme er keine wahr, sagt Gert Wiegele, Obmann der Bundessektion Ärzte für Allgemeinmedizin in der Ärztekammer. Ein Problem sei vielmehr der "absolute Personalnotstand" in der Pflege. Mangelnde Personalressourcen kritisieren auch Volksanwalt Kräuter sowie die steirische Patientenanwältin Renate Skledar. Zusätzlich fehlten, so Skledar, qualifizierte Prüfer der Einrichtungen auf Behördenseite.

Ein weniger drastisches Bild zeichnet Christa Lohrmann, Diplompflegepädagogin an der Med-Uni Graz. Das Institut für Pflegewissenschaft lädt österreichische Pflegeeinrichtungen dazu ein, sich einer Qualitätskontrolle zu unterziehen. "Ich sehe deutlich, dass dann Fehler verbessert werden", sagt Lohrmann. Auch Patientenanwaltschaften nehmen insgesamt Verbesserungen wahr. Die Teilnahme an der Überprüfung ist freiwillig. 2014 durchliefen sie acht Einrichtungen. (Gudrun Springer, 8.5.2015)

Wissen: Neun Länder, neun Personalschlüssel

In Österreich gibt es rund 850 Pflegeheime, von diesen sind 450 privat geführt. 80 Prozent der Pflegebedürftigen in Österreich werden zu Hause gepflegt. Die Vorgaben der Länder für den jeweiligen Betreuungsschlüssel in Pflegeeinrichtungen sind verschieden. Nach Angaben des Verbands der Alten- und Pflegeheime gibt es zwischen den Pflegeeinrichtungen um 40 Prozent variierende Unterschiede in der Personalpräsenz. Auch die Besetzung der Nachtdienste ist unterschiedlich geregelt.

Nicht immer gehen die Vorschriften ins Detail und geben vor, wie viel Personal welcher Qualifikation wie viele Personen welcher Pflegestufe zu betreuen hat. So steht zum Beispiel in der niederösterreichischen Heimverordnung nur, dass "sichergestellt sein muss, dass jederzeit ausreichendes und qualifiziertes Personal für die Pflege und für den sonstigen Heimbetrieb zur Verfügung steht".

Ein Viertel der Pflegeeinrichtungen durchläuft laut Volksanwaltschaft eine Qualitätskontrolle. Seit Ende 2013 gibt es das Nationale Qualitätszertifikat für Alten- und Pflegeheime in Österreich (NQZ) im Regelbetrieb - Pilotprojekte dazu hatten bereits 2007 begonnen. Mit dem NQZ werden Häuser ausgezeichnet, die sich - über die Erfüllung gesetzlicher Voraussetzungen hinaus - "im Interesse einer größtmöglichen individuellen Lebensqualität ihrer Bewohnerinnen und Bewohner systematisch um die Weiterentwicklung ihrer Qualität bemühen". Ende 2014 trugen 32 Heime ein NQZ-Zertifikat.

  • Das Personal in Pflegeheimen weiß oft gar nicht, welche Diagnose ein betreuter Bewohner hat. Es ist aber dazu verpflichtet, verschriebene Medikamente zu verabreichen.
    foto: robert newald

    Das Personal in Pflegeheimen weiß oft gar nicht, welche Diagnose ein betreuter Bewohner hat. Es ist aber dazu verpflichtet, verschriebene Medikamente zu verabreichen.

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