Hussain: "In London sind sie auf Arbeit, Geld, Erfolg fokussiert"

Interview7. Mai 2015, 17:27
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Dirigent Leo Hussain leitet am Freitag am Theater an der Wien die Premiere von Darius Milhauds "La mère coupable". Ein Gespräch über britisches Kulturverhalten und seine Vision einer nichtelitären Kultur

STANDARD: Milhaud schreibt in der Regel einen leichten Stil. Wie verträgt sich das mit den düsteren Elementen von "La mère coupable"?

Hussain: Ich habe mir eine leichte Komödie im jazzigen Stil erwartet. Wenn man mit dieser Erwartung kommt, ist man geradezu schockiert: Es ist doch ziemlich ernst, aber mit einer spannenden Mischung. Es gibt echte Opernmomente und dann Stellen, wo die Musik eher in den Hintergrund rückt. Und das Ganze ist sehr charmant. Man sagt immer, das Stück sei bitonal oder polytonal. Natürlich sind solche Elemente dabei, aber es gibt kein System der Polytonalität. Als er "La mère" schrieb, war Milhaud 74 Jahre alt, hatte sein ganzes Leben mit komplizierten Jazz-Akkorden verbracht und konnte diese harmonische Sprache wie seine eigene sprechen. Es klingt aber – bis auf Momente – gar nicht nach Jazz.

STANDARD: Bei der Probe hörte man Mozart-Klänge – warum?

Hussain: Es gibt ein kleines Vorspiel zum Stück, um zu zeigen, was vorher geschah. Regisseur Herbert Föttinger wollte mit einer Begräbnisszene anfangen, um eine Verbindung zum Kommenden zu schaffen. Für ihn ist der Beginn der Tod des ersten Sohnes von Almaviva. Ich fand es schön, eine Beziehung zu Mozart herzustellen, und wir spielen die "Maurerische Trauermusik" als Vorspiel.

STANDARD: Sie gelten ja als Mozart-Spezialist – sorry, aber der Satz musste kommen ...

Hussain: Ich möchte kein Spezialist sein. Ich versuche, mein Repertoire sehr breit zu halten. Natürlich interessiert mich Mozart, zu dem ich durch meine Salzburger Zeit eine besondere Beziehung habe. Davor hielt man mich für einen Spezialisten für Zeitgenössisches. Mozart ist natürlich auf dem ersten Platz für meine Phantasy-Dinner-Party! Als Spezialist für "The Sound of Music" würde ich nicht gerne gelten.

STANDARD: Sie kommen aus der jüngeren Generation …

Hussain: Na ja, wenn ich mir die Dirigierstars unserer Tage so ansehe, fühle ich mich eigentlich nicht mehr besonders jung!

STANDARD: Aber auch für Ihre Altersgenossen hat sich der Umgang mit Repertoire verändert, oder?

Hussain: Wenn jemand vor 30 Jahren eine Musikhochschule verlassen hat, kannte er jede Symphonie von Mozart, Beethoven oder Mahler, jede Verdi- und Wagner-Oper. Heute ist das nicht mehr so. Heute ist es möglich, nach drei Jahren Ausbildung nicht jede Beethoven-Symphonie zu kennen. Das finde ich sehr schade. Wir als Musiker müssen also auch um die Bildung kämpfen. Das ist nicht nur für unseren Beruf wichtig, sondern für die gesamte Kultur und für das Leben.

STANDARD: Wir haben leider in Österreich ähnliche Tendenzen.

Hussain: Für mich ist das Land noch immer geradezu ein Paradies. In England bin ich immer ein bisschen traurig über den geringen Stellenwert, welcher der Kultur eingeräumt wird. Besonders in London sind die Leute vollkommen auf Arbeit, Geld und Erfolg fokussiert. Sie haben dadurch überhaupt keine Zeit mehr, die Kunst konzentriert wahrnehmen. Und die Haltung, "Hochkultur" sei nur für die Elite, die in England sehr ausgeprägt ist, ärgert mich furchtbar, weil das so gar nicht stimmt.

Ich finde es ungeheuer schade, wenn ein Arbeiterkind aus Liverpool nicht ins Royal Opera House gehen kann. Wir alle sollten daran arbeiten, möglichst viele Menschen zu erreichen. Ich halte es für eine Aufgabe für jeden Künstler, die Häuser für jedermann zu öffnen. Wenn wir nur aus Angst agieren, dass die Reichen, die zum 100. Mal "La Bohème" hören möchten, ihr Geld zurückfordern, dann ist die Kunst tot. (Daniel Ender, 7.5.2015)

Leo Hussain, Jahrgang 1978, war von 2009 bis 2014 Musikdirektor des Landestheaters Salzburg, der das Haus entscheiden profilierte. Daneben wirkte der britische Dirigent als Gastmaestro an großen Opernhäusern wie der Berliner Staatsoper, dem Brüsseler Théâtre de La Monnaie und dem Theater an der Wien. Seit dieser Saison ist er Generalmusikdirektor der Opéra de Rouen Haute Normandie.

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Theater an der Wien

  • Dirigent Leo Hussain.
    foto: apa/barbara gindl

    Dirigent Leo Hussain.

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