Stiller Protest bei Graz-Besuch von Walesa

7. Mai 2015, 17:25
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Friedensnobelpreisträger war anlässlich 70 Jahre Kriegsende zu Gast - Grüne Kritik an seiner "ausgrenzenden Haltung" gegenüber Homosexuellen

Graz - Es war ein stiller Protest. Mit kleinen Regenbogenwimpeln am Revers signalisierten die Grazer SPÖ-Gemeinderäte, dass sie mit den diskriminierenden Aussagen über Homosexualität, mit denen der Festredner in der Vergangenheit mehrfach zitiert worden war, nicht einverstanden sind. Die Grünen gingen einen Schritt weiter, machten ihre Ankündigung wahr und verließen den Saal, ehe der ehemalige polnische Staatspräsident Lech Walesa ans Rednerpult schritt.

Zum Gedenken an die homosexuellen Opfer des NS-Terrors hinterließen sie auf ihren Sitzen den "Rosa Winkel" - jenes Zeichen, das homosexuelle Opfer in den Konzentrationslagern tragen mussten. Diese wurden aber umgehend von Security-Mitarbeitern eingesammelt. Auch sonst blieb der von den Organisatoren der Gedenkfeier vielleicht befürchtete Eklat aus. Der Auszug fiel zeitlich so, dass er nicht weiter auffiel.

Polnische "Weissagungskraft"

Walesa erinnerte in der Sondersitzung des Grazer Gemeinderates an die "Weissagungskraft" Polens. Das Land habe zweimal in entscheidenden historischen Phasen vor Katastrophen gewarnt: vor Hitler und vor Stalin. Aber niemand habe Polen geglaubt. "Uns war auch immer klar, dass der Kommunismus nicht reformierbar ist. So ist es auch gekommen" sagte der Friedensnobelpreisträger. Heute gehe es darum, ein neues ökonomisches Modell zu finden. Es dürfe nicht die jetzige Form des Kapitalismus sein, aber auch nicht jene des Kommunismus.

Unterlegt wurde die Festsitzung des Gemeinderates, die in die Grazer Messe stattfand, um auch der Bevölkerung die Möglichkeit der Teilnahme zu bieten, mit historischem Bildmaterial der Kriegstage in Graz.

Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) versuchte den Bogen in die Gegenwart zu spannen und wandte sich scharf gegen Entwicklungen eines neuen Nationalismus in Europa, "die das Friedensprojekt Europa untergraben". Nagl: "Wir dürfen den Hetzkampagnen und Diffamierungen von Flüchtlingen, dem Aufbau neuer Feindbilder nicht gleichgültig gegenüberstehen. Wenn wir die Empathie verlieren, verlieren wir das Menschsein." (mue, red, derStandard.at, 7.5.2015)

  • Die Gastrede Walesas ging nicht ohne Protest über die Bühne.
    foto: walter müller/derstandard.at

    Die Gastrede Walesas ging nicht ohne Protest über die Bühne.

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