Je gläserner der Kunde, desto niedriger die Prämie

8. Mai 2015, 05:30
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Versicherungen locken mit einer Prämiensenkung, wenn Kunden fitter werden. Die Daten werden via Fitnessarmband geschickt

Wien - Dass Versicherungen die gesunde Lebensweise oder den sportlichen Einsatz von Kunden bei der Lebens- und Krankenversicherung mit Gutscheinen oder geringeren Prämien belohnen, ist ein Ansatz, der sich immer mehr durchsetzt. So hat etwa die Generali zuletzt ein Modell vorgestellt, bei dem der Kunde der Versicherung regelmäßig Daten zum Lebensstil übermittelt. Über eine App werden Vorsorgetermine dokumentiert, Schritte gezählt oder der sportliche Einsatz erfasst. Ein Handy zum Schrittezählen ist aber nicht das beste Instrument, bleibt es doch oft auf dem Tisch oder im Auto liegen. Und auch bei der Anzahl der Besuche im Fitnessstudio bedarf es wohl der Ehrlichkeit des Kunden.

Die US-Versicherung John Hancock geht daher jetzt noch einen Schritt weiter. Wer als Kunde bereit ist, ein Fitnessarmband zu tragen, kann neben Gutscheinen eine Verringerung der Prämie um 15 Prozent erreichen. Das Armband speichert die Örtlichkeiten des Kunden, zählt seine Schritte, misst die Herzfrequenz, den Kalorienverbrauch und die Qualität des Schlafes. All diese Daten werden automatisch der Versicherung übermittelt. Ob man also im Fitnesscenter ist, kann aufgrund des Location-Trackings nachverfolgt werden, und ob man dort ein Programm besucht (erhöhte Herzfrequenz) oder nur an der Saftbar sitzt, auch.

In Zahlen ausgedrückt, können sich Kunden auf diese Weise bis zu 91 US-Dollar (81 Euro) pro Jahr ersparen. Dafür, dass man das ganze Jahr eine Hundeleine tragen müsse, sei das nicht viel, ätzen Experten in einem CNN-Beitrag. Der Discount wird entzogen, wenn man das Fitnessprogramm schleifen lässt.

Fitness durch Preisdruck

Der Preisdruck dürfte aber helfen, den Menschen ein größeres Bewusstsein für ihre körperliche Fitness zu geben. Denn eine Studie im Magazin Translational Behavioral Medicine aus dem Vorjahr zeigt: Haben Leute die Wahl, 20 Prozent mehr Prämie zu bezahlen oder mehr zu trainieren, entscheidet sich die Mehrheit für mehr Sport.

Ein heikler Faktor bei diesen Modellen ist aber, dass all diese persönlichen Daten auf Computerserver der Versicherung gespeichert werden. Das lockt auch Hacker an, weil sich personenbezogene Daten am Schwarzmarkt gut verkaufen lassen. Aggregieren Assekuranzen diese Daten, könnten freilich Trends erkannt werden, etwa ab welcher Altersgruppe sich welche Probleme ergeben. Neukunden, die in diese Gruppe fallen, könnten höhere Einstiegsprämien drohen. Denkbar ist auch die gezielte Ansprache der Kunden etwa auf Zusatzversicherungen. Durch die Sammlung von Daten lässt sich freilich auch Werbung viel detaillierter an die jeweilige Zielgruppe platzieren.

Unterschätztes Zukunftsgebiet

"Healthcare ist ein unterschätztes Zukunftsgebiet im Technologiesektor", erklärt Monika Rosen-Philipp, Chefanalystin des Bank Austria Private Banking. Man denke bei Technologie heute noch nicht vordergründig an den Bereich Gesundheit, dort liege aber enormes Potenzial. "Diese Technologie macht uns aber transparenter", sagt Rosen-Philipp. Dass das Thema mehr Aufmerksamkeit bekommt, zeigt sich auch an der Sektorzusammensetzung des Nasdaq Composite Index: "Im Jahr 2000 machte der Bereich Healthcare noch sieben Prozent aus, heute sind es bereits 17", fasst Rosen-Philipp zusammen.

Der Tracking-Trend greift bereits in viele Bereiche: In den USA gibt es bei Kfz-Versicherungen mittlerweile ein ähnliches System. Wer sein Fahrverhalten für sechs Monate beobachten lässt und sich als konservativer Fahrer erweist, kann mit einer Prämienreduktion rechnen.

Zielgruppe Senioren

Auch in andere Bereiche zieht die Überwachung ein. So können etwa Senioren, die in ihrer Wohnung bleiben wollen, überwacht werden. Das passiert durch ein Armband und durch Sensoren in den jeweiligen Räumen. Passen die Daten nicht zusammen, bekommen Angehörige eine Nachricht via SMS oder E-Mail. Liegt jemand etwa im Schlafzimmer, schließt das System darauf, dass diese Person schläft und alles in Ordnung ist. Liegt die Person aber im Badezimmer, könnte auch etwas passiert sein, und die Melder schlagen Alarm. Wird so ein System installiert, lernt dieses sieben Tage lang den Tagesablauf der jeweiligen Person, um dann entsprechend reagieren zu können. Eine Hürde sei jedoch, die älteren Personen mit dieser Technologie vertraut zu machen. Niemand wolle als schwach oder gebrechlich gelten.

Auch im Bereich der Demenzerkrankung kommen tragbare Tracker immer öfter zum Einsatz. In Großbritannien etwa wird geschätzt, dass rund 40 Prozent der Demenzerkrankten die Orientierung verlieren und sich verlaufen. Fünf Prozent tun dies öfter. Mit GPS-Chips in Uhren, Armbändern oder am Schlüsselanhänger können diese Personen von Polizisten oder Angehörigen schnell wieder gefunden werden. (Bettina Pfluger, 8.5.2015)

  • Wer Rabatte bei den Prämien wünscht, muss sich verkabeln lassen. Der Trend zu Fitnessarmbändern und Co. wird immer stärker.
    foto: ap/bebeto matthews

    Wer Rabatte bei den Prämien wünscht, muss sich verkabeln lassen. Der Trend zu Fitnessarmbändern und Co. wird immer stärker.

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