ARD-Film "Die verlorene Zeit": Liebe hinter Stacheldraht

7. Mai 2015, 17:21
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Eine Romanze im KZ: Der Ort der Vernichtung erscheint nicht geeignet, einem lebensbejahenden Gefühl genügend Raum zu lassen

Liebe vor dem Hintergrund eines Konzentrationslagers, das ist ganz grundsätzlich ein heikles Thema. Ein Ort der Vernichtung jeder Humanität erscheint nicht geeignet, einem lebensbejahenden Gefühl genügend Raum zu lassen - nicht einmal als Akt der Hoffnung. Man denke an Alexander Kluges berühmte Geschichte Ein Liebesversuch, die von einem überlieferten - und gescheiterten - Versuch in Auschwitz erzählt, zwei jüdische Häftlinge zum Beischlaf zu animieren.

Von solcher Skepsis ist in Anna Justices Film "Die verlorene Zeit", der am Mittwoch auf ARD zu sehen war, nichts zu merken. Die Liebe zwischen der Jüdin Hannah (Alice Dwyer) und dem Polen Tomasz (Mateusz Damiecki), der aus politischen Gründen in Auschwitz interniert wurde, dient hier als Folie für ein Melodram. Als solches ist es zwar auf die Unmöglichkeit ausgerichtet, dass die Liebenden glücklich zusammenfinden, aber schon immer als Reaktion: Die Liebe ist schon da, aber die historische Situation, die Nazis oder Tomasz' antisemitische Mutter (die große Susanne Lothar in einer ihrer letzten Rollen) werden sie zu verhindern wissen. Ein Erzählprinzip, das die Bedrohung des Holocaust letztlich zur Funktion verkleinert.

Einen anderen, an Kluge angelehnten Weg schlug im vergangenen Jahr Christian Petzolds Film Phoenix ein, der von einer KZ-Überlebenden erzählt, die mit dem Mann weiterleben will, der sie allem Anschein nach verraten hat. Bei Petzold ist die Liebe ein Phantom, das aus den Trümmern eines zerstörten Lebens emporsteigt und gerade durch seine Unverträglichkeit mit der Gegenwart anzeigt, dass alles heillos zerrissen ist. (Dominik Kamalzadeh, 7.5.2015)

  • Tomasz Limanowski – 1944 (Mateusz Damiecki) und Hannah Silberstein (Alice Dwyer) im ARD-Drama "Die verlorene Zeit".
    foto: ndr/tom trambo

    Tomasz Limanowski – 1944 (Mateusz Damiecki) und Hannah Silberstein (Alice Dwyer) im ARD-Drama "Die verlorene Zeit".

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