G4: LGs neues Top-Smartphone im Kurztest

7. Mai 2015, 17:43
95 Postings

Konkurrent zum Galaxy S6 mit sehr gutem Display, toller Kamera, aber auch so manchem Defizit

Nach einer ausführlichen Reihe von Teasern hat es LG Ende April offiziell gemacht: Mit dem G4 bringt man ein neues Topmodell für seine Smartphone-Reihe, das sich nicht zuletzt mit Samsungs Galaxy S6 um die Brieftaschen der Android-Nutzer matchen muss. Im Rahmen einer Presseveranstaltung hatte nun auch der STANDARD die Möglichkeit, einen ersten Blick auf das neue Gerät zu werfen.

Erster Blick

Der Ersteindruck: Trotz der Bildschirmgröße von 5,5 Zoll liegt das Gerät durchaus gut in der Hand. Die Knöpfe sind wie schon bei den Vorgängern auf der Rückseite unterhalb der Kamera angebracht, was zunächst etwas gewöhnungsbedürftig ist, aber den Vorteil hat, dass der Rahmen um das Display sehr schmal ist. Die Abmessungen sind offiziell mit 148,9 x 76,1 x 9,8 mm angegeben, das Gewicht liegt bei 155 Gramm.

foto: andreas proschofsky / standard
Das LG G4 mit schwarzer Lederrückseite.

Einige Anstrengungen hat der Hersteller unternommen, um den haptischen Eindruck des Geräts zu verbessern. Dazu gehört, dass einige Modelle jetzt mit Lederrückseite ausgestattet sind. Ein löbliches Bestreben, das in Summe aber als begrenzt gelungen bezeichnet werden darf. Selbst wenn man keine prinzipielle Abneigung gegen den Leder-Look hat, bleibt der Umstand, das der Rahmen natürlich weiterhin aus Kunststoff gefertigt ist. Der Übergang zwischen den beiden Materialien verstärkt den "billigen" Eindruck sogar noch. So als ob jemand eine Lederhülle halb über einen Kunststoffrahmen gestülpt hat. Mit der Verarbeitungsqualität eines HTC One M9 aber auch des Galaxy S6 kann das G4 jedenfalls nicht mithalten.

Stärken

Wirklich hervorragend ist hingegen der Bildschirm: Das QHD-Display (2.560 x 1.440 Pixel) bietet eine beinahe exakte Farbreproduktion. LG spricht hier selbst von 98 Prozent der Farben des DCI-Standards. Mit freiem Auge lässt sich das natürlich nicht messen, der Tester neigt angesichts des subjektiven Eindrucks aber dazu, dies zu glauben. Mit den Schwarzwerten eines AMOLED - wie bei Samsung verwendet - kann der IPS LCD vom G4 natürlich nicht mithalten, aber sonst liegen die beiden Bildschirme auf den ersten Blick auf Augenhöhe.

foto: andreas proschofsky / standard
Es wird Ausführungen mit unterschiedlichsten Rückpanelen geben, unter anderem aus Metall und Leder.

Beinahe schon übersehen kann man, dass der Screen gebogen ist, so minimal fällt diese Krümmung aus. Im Vergleich zum G Flex des gleichen Herstellers ist das G4 auch nicht flexibel. LG bewirbt die Biegung unter anderem damit, dass dadurch die Gefahr eine Beschädigung beim Fallen auf die Display-Seite deutlich reduziert wird. Ausprobieren durften wir das allerdings nicht.

Kamera

In der Kaufentscheidung vieler Konsumenten spielt die Qualität der Smartphone-Kamera eine entscheidende Rolle. Und hier will LG dem Konkurrenten Samsung die eben erst errungene Topposition gleich wieder abnehmen. Dazu hat man einen 16-Megapixel-Sensor mit einer f/1,8-Blende kombiniert. Die weite Öffnung soll vor allem bei schwachen Lichtverhältnissen mehr Licht an den Sensor lassen. Damit schlägt man das Galaxy S6 noch, das eine f/1,9-Blende aufweist.

foto: andreas proschofsky / standard
Aufnahme mit dem LG G4 bei sehr starkem Sonnenlicht.
foto: andreas proschofsky / standard
Indoor-Aufnahme mit dem LG G4.

Ob die Kamera des G4 das Versprechen besonders lichtstarker Aufnahmen halten kann, konnte nicht getestet werden, da die Presseveranstaltung bei Tageslicht stattfand. In diesem Umfeld liefert sie aber tatsächlich hervorragende Bilder, die sich mit dem S6 messen können. Vor allem aber weiß die Kamera-App zu gefallen: LG schafft es die Möglichkeit, eine Fülle von Einstellungen manuell anzupassen (ISO, Weißpunkt und Verschlusszeit) mit einem einfach zu nutzenden Interface zu kombinieren. Hier könnten sich viele andere Hersteller noch etwas abschauen - nicht zuletzt Android-Entwickler Google selbst.

foto: andreas proschofsky / standard
Die Kamerasoftware des LG G4 bietet vielfältige Möglichkeiten.

Weniger gefällig ist die Softwareausstattung des Geräts. Basierend auf Android 5.1 nimmt LG wieder eine Fülle von Anpassungen vor, die einmal besser, einmal schlechter gelungen sind. Dazu kommt, dass das User-Interface der LG-eigenen-Apps nicht wirklich konsistent umgesetzt ist. Hier eine Prise Material Design, dort Reste von "Gingerbread". Einzelne Apps gehen aus unerfindlichen Gründen automatisch in den Full-Screen-Modus (wie die Galerie), andere nicht. Im Vergleich zu Vorgängerversionen des LG UX sind zwar gewisse Fortschritte zu bemerken, im Vergleich zu anderen Herstellern verbessert sich die LG-Oberfläche aber eher gemächlich.

Bloat as Bloat can

Dazu kommt, dass LG noch immer eine Unzahl an Apps vorinstalliert. Keine App, die man nicht selbst in eigener Version nachgebaut und dupliziert hat, von der Galerie bis zum Webbrowser und der Sprachsteuerung. Dass die Liste trotzdem aufgeräumter wirkt, liegt einzig daran, dass beinahe alle Google-Apps - 16 an der Zahl - in einem eigenen Unterordner abgelagert wurden.

foto: andreas proschofsky / standard
Einige Eindrücke des LG UX 4.0: Der App-Launcher, der LG-eigene Browser (der parallel zum Chrome installiert ist) und die Einstellungen. Diese verwenden ein etwas unübersichtliches Tab-Design, das auch bei anderen LG-Apps zu finden ist.

Und um den "Bloat" auch in Zahlen zu fassen: Auf dem Vorzeigegerät waren allein 9,3 GB von der vorinstallierten Software belegt - und damit noch zwei GB mehr als beim Galaxy S6. Angemerkt sei, dass es sich dabei um eine Preview-Software handelte, angesichts der Vielzahl an vorinstallierten Apps ist aber kaum zu erwarten, dass sich dies bis zum Marktstart noch substantiell ändern wird.

Prozessorwahl

Als Prozessor nutzt das G4 einen Snapdragon 808, und umschifft damit die Hitzeprobleme des 810, was nicht ganz eines gewissen Humors entbehrt. War es doch LG, das noch vor einigen Wochen an die Öffentlichkeit getreten war, um zu betonen, dass der Snapdragon 810 gar keine diesbezüglichen Probleme hat. Der 808er hat statt acht "nur" sechs Kerne, zwei für anspruchsvolle Aufgaben mit 1,8 GHz getaktet, vier sparsame mit 1,44 Ghz.

Flink

In der kurzen Testphase konnten jedenfalls keinerlei Performance-Defizite festgestellt werden. Alle Aufgaben wurden konsistent flink erledigt, egal ob Scrollen oder auch der Wechsel zwischen mehreren Anwendungen. Ganz uneingeschränkt kann dieses Verdikt allerdings nicht stehen bleiben. Das G4 reagierte nämlich mit einer leichten Verzögerung auf Touch-Eingaben, was sich ganz gut zeigt, wenn man beim Scrollen die Richtung ändert. Ob dies ein generelles Problem ist, oder nur einem Vorserienmodell und der entsprechenden Software geschuldet, muss sich freilich erst in einem ausführlichen Test zu einem späteren Zeitpunkt zeigen.

foto: andreas proschofsky / standard
Links der Kalender, der fraglos zu den besseren LG-Eigenkreationen gehört, daneben die Galerie. Schon von Haus aus verbraucht das G4 recht viel Speicherplatz.

Ein paar weitere Eckdaten im Schnelldurchlauf: Der interne Speicher liegt bei 32 GB, zusätzlich gibt es 100 GB bei Google Drive auf zwei Jahre gratis. Außerdem ist LG einer der letzten großen Hersteller, die noch einen MicroSD-Slot in ihren Top-Modellen verbauen. Auch der 3.000 mAh Akku lässt sich weiterhin einfach von den Nutzern selbst tauschen. An der Vorderseite gibt es eine zweite Kamera, die mit 8 Megapixel dafür sorgen soll, dass auch Selfies die entsprechende Qualität aufweisen.

Viel Potential

Trotz der erwähnten Kritikpunkte: Der erste Eindruck des G4 ist durchaus vielversprechend. Vor allem die Kamera hat das Zeug dazu sogar noch jene des S6 auszustechen, auch wenn es hier abzuwarten gilt, bis die Möglichkeit besteht Nachtaufnahmen zu tätigen. Diese und weitere Fragen - wie etwa zur Akkulaufzeit - sollen zu einem späteren Zeitpunkt ein einem ausführlichen Test geklärt werden.

Launch

Das LG G4 soll in Österreich ab Ende Mai verkauft werden. Der Preis liegt bei 649 Euro für die Standard-Ausführung des Geräts, die Modelle mit Leder kosten 699 Euro. (Andreas Proschofsky, 7.5.2015)

Share if you care.