Lachen nur mit Allahs Segen - Satiremagazine in der Türkei

7. Mai 2015, 11:55
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In "Hacamat" und "Caf Caf" sind Mohammed-Karikaturen ein Verbrechen - Die Karikaturisten zeichnen nur "islamkonforme" Bilder

Istanbul - Für Faruk Günindi ist eine Karikatur dann gelungen, wenn diese drei Kriterien erfüllt: "Satire darf niemals respektlos gegenüber einem Lebewesen sein. Sie darf niemals eine Lüge verbreiten, aber vor allem muss sie mit den Grundsätzen des Islam übereinstimmen", sagt er. Der 36-jährige Türke ist Chefredakteur der Satiremagazine "Hacamat" und "Caf Caf".

Vulgärsprache, Sexualität oder gar Spott über den Propheten Mohammed und die konservativ-islamische AKP-Regierung finden in den Magazinen nicht statt. Denn die Macher verstehen sich als "islamisches Satiremagazin", da sind die Tabugrenzen sehr niedrig gesteckt. Vor allem religiöse Späße sind hier verboten.

Keine Scherze erlaubt

"Wir alle hier in der Redaktion sind praktizierende Muslime, und lehnen deswegen Scherze über jede Glaubensrichtung ab", sagt der Chefredakteur, der gerade vom Freitagsgebet zurückgekehrt ist und in dem Großraumbüro der Redaktion zum Interview empfängt. An den Nebentischen sitzen zwei Karikaturistinnen, und zeichnen konzentriert Szenen für die nächste Ausgabe.

Die jungen Frauen tragen ein Kopftuch und bodenlange Mäntel. Die Redaktion von "Hacamat" und "Caf Caf" befindet in einem unscheinbaren Haus in einer Seitenstraße in Fatih, einem stark konservativ geprägten Viertel auf der europäischen Seite Istanbuls. Nur ein kleines Schild weist darauf hin, dass die Satiriker die Treppe hinauf über einem Bioladen residieren.

Überall hängen Plakate der konservativ-islamischen Regierung

In diesem Stadtteil gehören Frauen mit Kopftüchern und Ganzkörperverschleierungen zum Straßenbild. Die meisten Geschäfte in Fatih bieten Damenmode für die gläubige Muslima an - lange Röcke und Mäntel, hochgeschlossene Oberteile und vor allem Kopftücher in allen möglichen Farbvariationen. Jetzt, unmittelbar vor den Parlamentswahlen im Juni, hängen hier überall Plakate und Banner der konservativ-islamischen AKP-Regierung.

"Hacamat" erscheint wöchentlich, nach eigenen Angaben mit einer Auflage von 75.000 Stück, "Caf Caf" kommt monatlich mit einer Auflage von 25.000 Exemplaren heraus. Beide Blätter werden vom gleichen Verlag veröffentlicht und der gleichen Redaktion produziert. Während "Hacamat" ganz aktuelle Entwicklungen behandelt, ist "Caf Caf" textlastiger und widmet sich gelegentlich auch zeitloseren Themen. Natürlich werden hier Mohammed-Karikaturen, wie sie die dänische Tageszeitung "Jyllands-Posten" und das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" veröffentlichten, ganz strikt abgelehnt.

Baslphemie wird mit Gefängnis bestraft

Damit hält sich das Blatt an die Vorschriften des Islams und der türkischen Politik. Denn Abbildungen des Propheten sind im Islam nicht gestattet und Blasphemie wird in der Türkei mit Gefängnis bestraft. "Überhaupt lehnen wir alles ab, was andere Menschen beleidigen könnte", sagt Günindi, der kein Geheimnis zu seiner Unterstützung für die Regierung macht. Das muss er aber auch überhaupt nicht, die Nähe zur AKP ist mehr als offensichtlich.

So sind in den aktuellen Ausgaben der zwei Magazine lediglich Witze über die sozialdemokratische Oppositionspartei CHP zu finden. Auf dem Titel von "Hacamat" ist eine Zeichnung von CHP-Chef Kemal Kilicdaroglu zu sehen, der von einem Obdachlosen wegen seiner Wirtschaftspolitik verspottet wir. Der Witz erschließt sich dem Betrachter auch nach mehrmaligem Hinschauen nicht.

Überwältigende Anteilnahme

Nachdem am 7. Jänner bei einem islamistischen Anschlag auf die französische Satirezeitung "Charlie Hebdo" zwölf Menschen getötet wurden, war in keinem islamischen Land die Anteilnahme so überwältigend, wie in der Türkei. Die populären türkischen Satiremagazine "Leman", "Penguen" und "Uykusuz" titelten mit "Je suis Charlie" vor einem schwarzen Hintergrund.

Doch weil der Abdruck der Mohammed-Karikaturen in dem überwiegend sunnitisch-muslimischen Land ein zu großer Tabubruch wäre, wagte lediglich die regierungskritische Tageszeitung "Cumhuriyet" diesen Schritt. Deswegen drohen zwei Journalisten der "Cumhuriyet" nun bis zu viereinhalb Jahre Haft, weil die Karikaturen in ihren Kolumnen abgedruckt erschienen sind. Die Istanbuler Staatsanwaltschaft wirft den beiden Journalisten vor, mit dem Zeigen der Karikatur den öffentlichen Frieden gestört und den Propheten sowie die religiösen Gefühle der Menschen in der Türkei verunglimpft zu haben.

Pressefreiheit hörten da auf, "wo die Gefühle der Menschen verletzt werden"

Ministerpräsident Ahmed Davutoglu hatte die Aktion der "Cumhuriyet" zuvor kritisierte, die Pressefreiheit erlaube nicht die Beleidigung religiöser Werte. Andere Webseiten, auf denen die Bilder gezeigt wurden, wurden auf Anlass der Regierung gesperrt. Eine Kritik und Maßnahme, die Günindi befürwortet und unterstützt. "Presse- und Meinungsfreiheit hören für uns da auf, wo die Gefühle der Menschen verletzt werden", sagt der Chefredakteur.

Auf der ersten "Charlie Hebdo" Ausgabe nach dem Anschlag war auf dem Titel ein trauernder Mohammed mit einem "Je suis Charlie" Schild-zu sehen, darüber stand in großen Buchstaben "Alles ist vergeben". Günindi schüttelt mit dem Kopf, als er sich daran erinnert: "Sogar die Art und Weise, wie wir verzeihen sollen, wollen uns die Europäer diktieren", kritisiert er und lächelt ganz leicht.

"Nichts ist vergeben"

Die Satiriker aus Fatih antworteten auf ihre eigene Art und Weise auf die weltweite Solidaritätswelle mit den Franzosen. "Nein. Nichts ist vergeben" war auf dem Titel von "Caf Caf" zu lesen. Auf der Titelzeichnung hielten Menschen aus Ägypten, Palästina, Tschetschenien, Syrien, China, Afghanistan und dem Irak Schilder ihrer jeweiligen Heimat in den Händen. Im Gespräch distanziert sich der Chefredakteur von den Islamisten, die seine französischen Kollegen ermordeten, diese seien "Terroristen, die eine widerliche Tat begangen haben", aber er schiebt direkt hinterher: "Hunderte Muslime sind von den Europäern ermordet worden.

Alleine die Toten, die Frankreich in Algerien zu verantworten hat", holt Günindi aus. Er redet über den 11. September 2001, er spricht über den Gaza-Streifen, er schimpft über den Westen, "der uns Muslime verachtet". Dann schüttelt er wieder seinen Kopf, und sagt mit ruhiger Stimme: "Wir Muslime sind diese Selbstgerechtigkeit so leid." (Cigdem Akyol, APA, 7.5.2015)

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