Mahrer: "Sie sollten mir Blumensträuße überreichen"

Interview8. Mai 2015, 13:14
71 Postings

ÖH-Chef Florian Kraushofer (FLÖ) und Wissenschaftsstaatssekretär Harald Mahrer (ÖVP) über Drohbriefe und Gesetzesbrecher

UniStandard: Was sind und waren Ihre persönlichen Motive, sich für die ÖH zu engagieren?

Kraushofer: Mir geht es darum, den Studierenden mit der ÖH eine starke politische Vertretung zu bieten – auch gegenüber dem Parlament und dem Ministerium – und eine Öffentlichkeit für ihre Probleme und Anliegen.

Mahrer: Historisch betrachtet sehe ich es als wahnsinnig wichtig an, dass die größte Gruppe im tertiären Bereich eine eigene Vertretung hat. Daneben ist der Service der ÖH im Alltag der Studierenden wichtig – je nach Uni wird hier mehr oder weniger getan.

Kraushofer: Es gibt auch sehr unterschiedliche Kulturen an den einzelnen Universitäten, wie viel die Studierenden machen dürfen, wie viel zugelassen ist.

Mahrer: Das Zulassen hat mich in meiner ÖH-Zeit nicht interessiert. Es ist eine Frage des Selbstbewusstseins, ob man etwas macht. Wir hätten uns in keiner Aktion irgendwie einschränken lassen, egal, ob man etwas darf oder nicht, wir wollten einfach das Bestmögliche für die Studierenden.

UniStandard: Wie hat sich Ihre Sicht auf die ÖH durch den Perspektivenwandel vom ÖH-Vorsitzenden zum zuständigen Staatssekretär geändert?

Mahrer: Ich habe der ÖH am wenigsten zugetraut, als ich noch ein normaler Student war. Als ich selbst in der ÖH aktiv war, habe ich gesehen, was man alles machen kann. Nach wie vor denke ich, dass sich die ÖH auf einem sehr hohen Niveau für die Verbesserungen der Bedingungen für die Studierenden einsetzt. Auch bei der Novelle zum Hochschülerschaftsgesetz zuletzt hatte ich den Eindruck, dass die ÖH bewusst Schlagkraft gewinnen will.

UniStandard: Wie haben sich die Studienbedingungen seit Ihrer Studentenzeit verändert?

Mahrer: In meinem ersten Semester bin ich an der WU im Audimax auf dem Boden gesessen, weil die Vorlesung so überfüllt war, und musste mich in langen Schlangen für die Anmeldung anstellen, weil es noch keine Online-Anmeldung gab. In vielen Bereichen waren die Studienbedingungen damals nachweisbar deutlich schlechter als jetzt. Es ist aber immer noch wichtig, eine aktive ÖH zu haben.

Kraushofer: Genau diese Probleme gibt es immer noch: Auf dem Boden sitzen, ein Semester auf einen Platz in einer Lehrveranstaltung warten – es ist ein Wahnsinn, dass es bis heute nicht gelungen ist, Abhilfe zu schaffen. Das Lippenbekenntnis zu einer höheren Unifinanzierung hören wir seit Jahrzehnten – warum gelingt das nicht?

Mahrer: Weil in unserem Gesamtapparat in viele Bereiche so viel Geld fließt, dass für die relevanten Zukunftsbereiche nach wie vor zu wenig bleibt. Ich bin dennoch stolz, dass wir für die Unis 615 Millionen zusätzlich erreichen konnten – auch wenn sich viele aufregen, dass das nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist.

UniStandard: Wie sehen Sie das?

Kraushofer: Das ist nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein. Damit ist ja nicht einmal die Inflation abgegolten. Es ist ein real sinkendes Budget.

Mahrer: Sie sollten uns trotzdem Blumensträuße dafür überreichen, dass bei den Unis nicht wie in anderen Ressorts das Budget zusammengestrichen wird.

Kraushofer: Es braucht trotzdem mehr Geld.

Mahrer: Aber woher soll das kommen? Würden Sie zu den Mindestpensionisten gehen und denen das Geld wegnehmen? Aufwachen – das ist Realpolitik.

Kraushofer: Politik ist das Machen und Verändern von Regeln. Bildung ist essenziell für Österreich, wenn wir hier sparen, kommen die wirtschaftlichen Probleme langfristig nur schlimmer zurück, da wären Schulden noch das geringere Übel.

Mahrer: Das geht nicht, denn es gibt europäische Regeln. Oder wollen Sie in Brüssel einen auf griechischen Finanzminister machen und sagen, dass wir diese Verträge nicht mehr einhalten?

UniStandard: Kommen wir zurück zu Ihrer ÖH: Was macht diese Zeit aus?

Kraushofer: Gschichtlndrucken ist ja nicht so mein Ding, aber die lustigsten Episoden waren sicherlich Beratungssituationen, wenn Studierende mit ihren Eltern auftauchten. Hat es das bei Ihnen auch schon gegeben?

Mahrer: Eltern in der ÖH-Beratung – das hätte es nie gegeben. Da hätten sich die Studierenden geniert.

Kraushofer: Das ist ein neues Phänomen. An der Uni Klagenfurt wird überlegt, einen Elternsprechtag einzuführen. Im ersten Moment ist das lustig, im zweiten Moment nicht mehr, etwa wenn man Mama und Sohn vor sich hat, sie sagt, er will Physik studieren, und er sitzt stumm da und schaut traurig. Dann schickt man die Mama mit einem Kollegen raus und redet mit dem Sohn, und der will in Wahrheit nicht Physik, sondern Philosophie studieren. Solche Situationen sind zum Verzweifeln.

Mahrer: Das Unangenehmste waren wohl die Drohbriefe, beim ersten Mal ist das sehr unangenehm. Man bekommt mit, wie hart das Geschäft sein kann und dass nicht immer alles sauber zugeht.

Kraushofer: Die schönsten Geschichten sind auch die, bei denen nicht alles sauber zugeht. Wir hatten bei einem Professor das Problem, dass er die Prüfungseinsicht verweigert hat. Als ich ihm sagte, dass es im Gesetz steht, meinte er: "Ich weiß, aber ich halte es nicht für sinnvoll." Über das Rektorat haben wir dann Einsicht erwirkt.

Mahrer: Dabei hat sich wohl nichts geändert - das habe ich auch erlebt. Wir haben diese Personen auf das Cover von WU aktuell mit dem Titel "Gesetzesbrecher" gegeben. (Oona Kroisleitner, Tanja Traxler, 8.5.2015)

  • Zwei ÖH-Generationen: Florian Kraushofer ist bis Juni im Vorsitzteam der ÖH-Bundesvertretung. Staatssekretär Harald Mahrer startete die Karriere als Vorsitzender der ÖH WU.
    christian fischer

    Zwei ÖH-Generationen: Florian Kraushofer ist bis Juni im Vorsitzteam der ÖH-Bundesvertretung. Staatssekretär Harald Mahrer startete die Karriere als Vorsitzender der ÖH WU.

Share if you care.