Wo der Klapperstorch die Gäste bringt

7. Mai 2015, 11:30
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Cigoc in Kroatiens Save-Auen gilt als Europas Storchenhauptstadt. Ab April leben mehr Störche in dem 120-Einwohner-Ort als Menschen

Frühmorgendliches Stillleben von Cigoc in Kroatiens Save-Auen: Die Morgenluft ist klar und kühl, die schwüle Hitze des Sommermittags noch unendlich fern. Ohne das Geklapper der Störche, die in den Horsten den Kopf in den Nacken werfen, und ihr katzenartiges Gefauche wäre es vollkommen still im Ort. Die "Hauptstadt der europäischen Störche" ist ein 120-Seelen-Dorf in Westslawoniens Posavina, dem Flachland beidseits der Save, eine Bahnstunde südöstlich von Zagreb. 1994 bekam das Dorf von der Umweltstiftung Euronatur den Titel "Europäisches Storchendorf".

Jeden April kommen die Störche aus Afrika zurück. Auf fast jedem Dach der Holzhäuser und Scheunen thront ein Nest. 45 Nester, auf die sich an die 200 Störche verteilen - mehr als das Dorf Einwohner hat. Vorigen Sommer waren 34 Nester besetzt, in den meisten hockten zwei Küken. Die Ansammlung derStörche hat zwei Gründe: das große Nahrungsangebot in den Auen und die Weite der Allmendeweiden. Der Tisch ist reich mit Fischen, Fröschen, Insekten und Mäusen gedeckt.

Im Takt der Störche

Die Störche takten das Jahr in Cigoc und den Nachbardörfern durch wie die katholischen Feiertage. Am 19. März, dem Tag des heiligen Josef, wird die Ankunft Adebars gefeiert, Ende Juni das Fest Strokovo, der Storchentag. Mitte August heben die Zugvögel für die große Reise ab.

In Haus 26 im Dorf ist die Besucherinfo untergebracht. Hier versorgt Davor Anzil Touristen mit Wanderkarten und Infos über die Störche. Den Winter verbringen die Tiere in Afrika. Der 46-Jährige zählt die Etappen auf: "Save, Donau, Istanbul, Jordanien, Ägypten, den Nil aufwärts."

Um den globalen Bestand der Schreitvögel ist es nicht schlecht bestellt. In Westeuropa steigt ihre Zahl seit Jahren wieder, in Mittel- und Osteuropa ist der Storch aus dem Bild der Dörfer nie verschwunden. Der letzte Zensus wies 230.000 Tiere aus, Tendenz steigend, schießwütigen Vogeljägern im östlichen Mittelmeerraum zum Trotz.

Artenreicher Naturpark

Seit 1998 ist Lonjsko Polje, die Gegend um die Save-Auen-Dörfer, ein Naturpark. Dieser ist 70 Kilometer lang und zwei bis 15 Kilometer breit. 243 Vogelarten wurden schon gezählt, 135 davon brüten in dem Gebiet. Die Save hat in Lonjsko Polje viel Raum: 506 Quadratkilometer Fläche, die Summe aus Malta und Liechtenstein zusammen. Jedes Jahr im Frühjahr und Herbst tritt die Save über die Ufer, bis zu zehn Meter steigt ihr Pegel. Das Schwemmgebiet schützt als Wasserrückhaltebecken die Städte und Dörfer flussabwärts vor Hochwasser.

"Wildnis - das ist heute eine Phrase", sagt Zeljko Vasilik, ein Hobbyornithologe, der im nahegelegenen Dorf Budasevo aufgewachsen ist. In den Save-Dörfern isoliert der 51-Jährige Oberleitungen, damit dieStörche in den auf Strommasten gebauten Horsten keine Kurzschlüsse auslösen. Seit 200 Jahren greife der Mensch hier in die Natur ein, sagt Vasilik. Dadurch wurde die Weidewirtschaft ermöglicht.

Die alten Haustierrassen werden in Lonjsko Polje noch heute gehalten. Zu den erhaltenen Rassen zählen zum Beispiel die schwarz gefleckten Turopolje-Schweine. Die robusten Tiere sind das ganze Jahr über draußen "Die Leute wissen oft nicht mehr, wie viele Schweine ihnen gehören", sagt Vasilik. Aber jedes Schwein erkenne seinen Besitzer am Ruf. Im 19. Jahrhundert, so Vasilik, habe es allein eine halbe Million dieser Schweine in der Region gegeben, dazu 40.000 Pferde. Heute seien es noch 40.000 Schweine und 5000 Pferde. Das genüge, um die Landschaft offen zu halten.

Einige der Posavinahäuser sind mehr als 200 Jahre alt. Schornsteine sucht man bei vielen vergeblich. Der Rauch dringt durch die Dächer. Das hat zwei Vorteile: Die Konstruktion wird dadurch konserviert und Schinken und Würste geräuchert.

Viele der Bauernhäuser in Cigoc sind jedoch schon lange verwaist. So wird das Ortsbild gerade im Frühjahr mehr von Störchen, als von Menschen dominiert. "Die jungen Leute ziehen in die Städte", sagt Vasilik. Gegenüber der Agrarindustrie sei die traditionelle Landwirtschaft nicht profitabel. "Es braucht ein Logo, um höhere Preise zu erzielen", schlägt Vasilik vor. Landwirtschaft, Tourismus und ökologische Subventionen: Das könnte seiner Meinung nach in der Summe tragfähig sein. (Kai Althoetmar aus Cigoc, 7.5.2015)

Naturpark Lonjsko Polje

  • Die Hauptstadt der europäischen Störche ist das 120-Seelen-Dorf Cigoc in Kroatien, nahe der Grenze zu Bosnien-Herzegowina.
    foto: kai althoetmar

    Die Hauptstadt der europäischen Störche ist das 120-Seelen-Dorf Cigoc in Kroatien, nahe der Grenze zu Bosnien-Herzegowina.

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