Gier der Seriensüchtigen: Nachlese zu "Breaking Bad" und "True Blood"

7. Mai 2015, 10:54
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Vampire und andere Blutsauger: Zwei Aushängeschilder des US-Qualitätsfernsehens, seziert in Buchform

Wien - Man will immer mehr und kommt nicht mehr davon los. Als Sucht bezeichnen Konsumenten von TV-Serien immer wieder ihr Rezeptionsverhalten. Im Fall von "Breaking Bad", einem der Aushängeschilder des US-Qualitätsfernsehens, spiegelt sich dieses Verhältnis in der inneren Logik der Serie wider. Dieser Ansicht ist zumindest Gertrud Koch, Professorin für Filmwissenschaft an der FU Berlin, die im Diaphanes-Verlag gerade eine äußerst lesenswerte Lektüre im Taschenbuchformat (€ 10,30) der von Vince Gilligan verantworteten, vielfach ausgezeichneten Produktion veröffentlicht hat.

Wie der Serienheld Walter White, der nach einer Krebsdiagnose vom Chemielehrer auf die Profession des Drogenproduzenten umsattelt und daraus Intensität für sein Dasein bezieht, ist Breaking Bad gleichsam als Qualitätsdroge konzipiert. White, schreibt Koch, "stellt die Droge um ihrer selbst willen her, wie ein Kunstwerk soll es perfekt sein und nicht in seinem einmaligen Konsum auflösbar."

Die Wahl der Abhängigkeit

Die Ökonomie des Qualitätsfernsehens sieht nicht viel anders aus: Gegen Massenproduktion setzt dieses, so Koch, auf "ästhetische Wertschöpfung", die sich an einen mündigen Zuschauer richtet, der nunmehr selbst über sein Programm entscheidet. Ein neoliberales Modell, das dialektisch umschlägt: Wie White glaubt man, frei zu wählen, und endet doch nur wieder in neuen Abhängigkeiten.

"Breaking Bad", schreibt Koch, ist deshalb auch eine Parabel über zeitgenössische Arbeitsverhältnisse. An dieser brillanten Analogie lässt sich schon erkennen, dass sich die Autorin nicht nur mit der Bauweise der Serie aufhält, die in ihrer Vielfalt an Bezügen besonders ausgeklügelt ist.

Die Beschleunigungen und Zeitlupeneffekte, die Mittel des großen Kinos ins Fernsehen überführen; die grotesken Verwicklungen und vor allem die ironisierende Distanz, die zur eigentlichen Erzählhaltung von "Breaking Bad" wird (und dabei übliche Identifikationsmuster durchbricht); die erstaunlichen Freiheiten, die die Serie ihren Figuren gewährt - und wie souverän sie diese mit der äußeren Wirklichkeit, unserer Gegenwart, synchronisiert: Das sind nur einige Beispiele dafür, wie es Koch gelingt, dem Serienjunkie Aufschluss über seine Sucht zu ermöglichen.

Tod oder Leben

Mit den seriellen Subtexten befasst sich auch der zweite neu erschienene Band der Diaphanes-Reihe (herausgeben von Simon Rothöhler) über "True Blood". Diese entdeckt die Filmkritikerin Cristina Nord zunächst im Vergleich mit "Six Feet Under", beide erdacht vom US-Showrunner Alan Ball. So verschieden sie sind, so sehr geht es letztlich um dasselbe: Tod oder Leben. Da der melancholische Umgang mit der Endlichkeit des Daseins, dort der fiebrige Gegenentwurf des ewigen Seins, das sich in "True Blood" als Außenseiterproblem darstellt.

Die domestizierten Blutsauger, die ihre Nahrung inzwischen sittsam an der Bar bestellen, lassen sich laut Nord als "überdeutliche Metapher" des Kulturkampfs um die Anerkennung von Homosexuellen begreifen: "Nachdem sie jahrtausendelang im Verborgenen gelebt haben, möchten Vampire als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft anerkannt werden." In "True Blood" hat sich der Bewusstseinswandel bereits vollzogen. Zu weit lässt sich diese Parallele allerdings nicht treiben, denn gelegentlich rasten die Vampire aus und hinterlassen ausgezuzelte Leiber - unschöne Bilder, die man ungern einer gesellschaftlichen Gruppe zuordnen möchte.

Wie in "Breaking Bad" geht es auch in "True Blood" um die Abgründe des Zwischenmenschlichen. Nord erörtert Fragen zu Fundamentalismus, Animismus und Zeitschemata. Interessant wären ein paar Worte mehr über den Schauplatz des Geschehens gewesen: Offenbar ist Louisiana derzeit eine Art Schmelztiegel für serielles Erzählen. Den Machern von "True Blood", "Treme" und "True Detective" scheint der US-Staat beliebtester Standort für schwüle Brüchigkeit amerikanischer Träume zu sein.

Die Vorliebe für das Morbide treibt Ball übrigens auch in Zukunft um: Nach Friedhof und Vampiren warten Serienfreunde auf "Virtuos", eine Musicalserie, die im Wien des 18. Jahrhunderts spielt. (Dominik Kamalzadeh, Doris Priesching, 7.5.2015)

  • "Breaking Bad".
    foto: amc

    "Breaking Bad".

  • "True Blood".
    foto: hbo

    "True Blood".

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