"Lohnsteuer auch nach Steuerreform zu hoch"

Interview7. Mai 2015, 08:33
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Das Schwächeln von Österreichs Wirtschaft erklärt Catherine Mann mit hohen Kosten für Arbeit und stärkerer Inflation

STANDARD: Vergangenen Herbst haben Sie vor einer Stagnationsfalle in Europa gewarnt. Besteht diese Gefahr noch?

Mann: Wir hatten seither den Ölpreisverfall, die Euroabwertung und Maßnahmen von EZB und anderen Notenbanken. Dadurch haben sich die Aussichten für Europa deutlich verbessert.

STANDARD: Sie haben das Anleihenkaufprogramm der EZB als positiv hervorgehoben. Aber das erhoffte Anspringen der Kreditvergabe ist bisher ausgeblieben.

Mann: Es gibt schon Länder, bei denen sich eine Verbesserung zeigt, etwa in Spanien. Wo es die stärksten Rückgänge gab, sehen wir die stärkste Erholung.

STANDARD: Ist der Bankensektor schon gesundet?

Mann: Dort gibt es noch ein Risikoproblem. Das verschlechtert die Stimmung, Verbraucher konsumieren weniger, und Unternehmen fahren die Investitionen herunter. Bei den Banken müssen die Bilanzen noch aufgeräumt werden.

STANDARD: Vor allem in Deutschland läuft die Wirtschaft wieder rund, Österreich hinkt stark hinterher. Welche Ursachen sehen Sie?

foto: standard/cremer
Catherine Mann: "Auch Frauen sind sehr wichtig für die Nachfrage. Ein ausgewogeneres Geschlechterverhältnis in der Wirtschaft macht diese produktiver und erzeugt mehr Wachstum."

Mann: Es ist eine Kombination aus internen und externen Faktoren, die sich gegenseitig beeinflussen. Eine der hausgemachten Ursachen sind die hohen Lohnkosten. Es kommt zwar eine Steuerreform, aber auch danach wird die Lohnsteuer noch zu hoch sein. Ein weiterer Grund ist die vergleichsweise hohe Inflation, wozu Beschränkungen und Auflagen im Bereich Handel und Dienstleistungen rund einen halben Prozentpunkt beitragen. Das verringert die Wettbewerbsfähigkeit von Österreichs Exportsektor.

STANDARD: Wie kann Österreich seine Situation verbessern?

Mann: Ich denke, man sollte darauf Wert legen, dass mehr Leute am Wirtschaftsleben teilnehmen. Damit sind wir wieder bei den Arbeitskosten, aber auch beim Thema Frühpensionen. Auch Frauen sind sehr wichtig für die Nachfrage. Ein ausgewogeneres Geschlechterverhältnis in der Wirtschaft macht diese produktiver und erzeugt mehr Wachstum.

STANDARD: Sie haben den Better-Life-Index als Alternative zu dem reinen Fokus auf BIP und Wachstum entwickelt. Können Sie das Konzept kurz umreißen?

Mann: Dieser umfasst neben Wachstum auch noch die Themen Ungleichheit und Nachhaltigkeit. Das ermöglicht uns eine viel reichhaltigere Analyse davon, wie sich bestimmte Faktoren auf unseren Lebensstandard auswirken.

foto: standard/cremer
"Die Bürger interessieren sich für ihre Sicherheit, ihre Gemeinschaft, ihre Lebensdauer und Gesundheit. Das BIP pro Kopf ist ziemlich abstrakt."

STANDARD: Und was halten Politiker von diesem Index?

Mann: Ich glaube, dass sie ihn als ganzheitlichen Ansatz empfinden, um die Interessen der Staatsbürger zu erfassen. Die Bürger interessieren sich für ihre Sicherheit, ihre Gemeinschaft, ihre Lebensdauer und Gesundheit. Das sind alles sehr bürgernahe Indikatoren. Das BIP pro Kopf ist ziemlich abstrakt. Es ist ein wichtiger Bestandteil, um den Lebensstandard zu messen, aber nicht der einzige.

STANDARD: Das BIP finanziert die anderen Aspekte gewissermaßen.

Mann: Ja, so kann man das sehen.

STANDARD: Springen wir über den Atlantik. Wird die Fed noch in diesem Jahr die Zinsen erhöhen?

Mann: Das hängt von den Wirtschaftsdaten ab, und die sind sehr uneinheitlich. Auf dem Arbeitsmarkt ist etwa die Beschäftigung kein Argument gegen eine Zinserhöhung, das Lohnniveau ist aber noch nicht dort, wo es sein sollte. Ich denke, dass die Fed noch zuwarten wird – zumindest solange es nicht zu einer Verbesserung bei den Investitionen kommt.

foto: standard/cremer
"Wenn die Fed die Zinsen erhöht, egal wann und wie stark, wird das eine sehr volatile Zeit."

STANDARD: Vor zehn Jahren galten vier Prozent als neutraler Leitzins, der die Wirtschaft weder bremst noch fördert. Wo liegt der neutrale Zins derzeit?

Mann: Wir befinden uns in einer Falle eines niedrigen wirtschaftlichen Gleichgewichts. Mehr Konsum, Investitionen und Beteiligung am Arbeitsmarkt – das alles erhöht den neutralen Zins. Wird er wieder auf vier Prozent kommen? Ich weiß es nicht. Wird er über eins liegen? Ja.

STANDARD: Seit der Lehman-Krise gibt es Deflation, Anleihenkaufprogramme und einen Abwertungswettlauf der Währungen. Das wirkt alles wie ein großes Experiment. Glauben Sie an ein Happy End?

Mann: Wenn die Fed die Zinsen erhöht, egal wann und wie stark, wird das eine sehr volatile Zeit. Es wird viel davon abhängen, wie die US-Wirtschaft das verkraftet. (Alexander Hahn, Andreas Maschke, 6.5.2015)

Catherine Mann war vor ihrer Ernennung zur Chefökonomin der OECD im Oktober 2014 Direktorin des Rosenberg Institute of Global Finance an der Brandeis University.

Das Interview fand im Rahmen der WWW-for-Europe-Konferenz, bei der Mann als Keynote-Speakerin auftrat, auf Vermittlung des Wifo statt.

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