Lebendige Enklaven für die kurze Form

6. Mai 2015, 17:14
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Etliche Arbeiten bei den Kurzfilmtagen Oberhausen wirken so, als wären sie nur für Kuratoren bestimmt. Doch immer wieder glückt der Ausbruch - und sei's mit einem Film über das Nichts

Einundsechzig Jahre ist das einst als "Kulturfilmtage" aus sozialdemokratischem Geist gegründete Festival für Kurzfilme in der Ruhrgebietsstadt Oberhausen nun alt. Seit fast zwei Jahrzehnten wird es mit großem, auch kulturpolitischem Engagement von Lars Henrik Gass geleitet und bedient mit insgesamt fünf Wettbewerben und gewichtigem Rahmenprogramm erfolgreich den globalisierten Festival- und Kunstzirkus, der - neben dem Internet - mangels adäquater Kinoauswertung den Kurzfilmmarkt bestimmt.

So sieht man auch vielen der im internationalen Wettbewerb vorgestellten Arbeiten an, dass sie ohne Umweg übers Publikum gleich für die kuratorische Auswertung produziert wurden: Die Rezepte variieren, bevorzugen aber eine Melange aus privaten und politischen Andeutungen und kulturell-regionalen Stereotypen, die mehr oder weniger gekonnt mit medienreflexiven Elementen und einer Prise Selbstverrätselung gewürzt werden.

Symptomatisch dafür mag der mexikanische Wettbewerbsfilm Tiempo Aire von Bruno Varela stehen, der für sein "audiovisuelles Projekt" familiäre Szenen mit der aus diesem Land erwarteten Mischung aus Gewalt und Folklore montiert. Die unterlegt er dann mit scheinbar willkürlichen Zahlen und Satzfetzen, die laut Abspann aus den Untertiteln diverser Spielfilme stammen. Dafür gab es den neuen e-flux-Preis. Ihren Großen Preis vergab die Jury dann mit Glos mojej duszy / Klang meiner Seele an den polnischen Filmemacher Wojciech Bakowski für eine kubistische gebaute Miniatur, die in ihrem lakonischem Humor auch medienkünstlerische Ambitionen verhöhnte.

In den vor allem mit Hochschulfilmen bestückten deutschen Wettbewerben ging es angesichts der Weltläufe oft erstaunlich unpolitisch zu. Doch nicht immer: So hatte es der halbdokumentarisch inszenierte Kurzspielfilm Wada' des Berliner dffb-Studenten Khaled Mzher über einen älteren syrischen Migranten, der seinen Bruder zur Bestattung nach Deutschland überführen will, als einziger deutscher Beitrag auch in den Internationalen Wettbewerb geschafft. Und die Filmemacherin Alex Gerbaulet gewann mit der etwas überambitionierten Kurzschließung der eigenen Liebes- und Familiengeschichte mit der Historie der niedersächsischen Stadt Salzgitter (Schicht) den Deutschen Wettbewerb, bekam für ihren schwulstigen Kommentar aber auch Gelächter.

Den richtigen Ton für eine gewollt amüsante Inszenierung fand dagegen Eva Könnemann in ihrem 29-minütigen selbstreflexiv erzählten Versuch, in einem Niemandsort am Niederrhein einen Film über das Nichts zu drehen. Selbstverständlich geht der Plan schief, doch die Einsichten, die Das offenbare Geheimnis über die westdeutsche Provinz und das Filmemachen selbst zu bieten hat, sind köstlich. Ein besonderer Verfremdungseffekt entsteht dadurch, dass Könnemann die Rolle der Filmemacherin von Kathrin Resetarits mit Wiener Akzent sprechen lässt. Auch sonst war Österreich mit Präsentationen des Sixpackfilm-Verleihs und des Filmmuseums und drei Beiträgen im Wettbewerb (Josef Dabernig, Katrina Daschner und Antoinette Zwirchmayr) stark vertreten.

Nichtformatiertes Kino

Sogenannte Profile waren neben Erkka Nissinen, William Raban und Ito Takashi auch Vipin Vijay aus dem indischen Kerala gewidmet mit den von ihm so benannten faszinierenden "manufactured dreams", die traditionelle Mythen zur Grundlage für einen befreiend offenen filmischen Diskurs nehmen. Ein Publikum hat er bisher zu Hause kaum, dafür aber auf Filmfestivals wie Rotterdam oder eben Oberhausen gefunden. Das ist bitter, zeigt aber auch, wie wichtig solche lebendigen Enklaven nichtformatierten Kinos sind.

Weniger ergiebig als erhofft war das sogenannte Themenprogramm, das sich - kuratiert von Björn Speidel - der Dreidimensionalität widmete. Ein wichtiges Sujet, das aber statt zur erhofften begrifflichen und historischen Tiefe in karg kommentierten Programmen nur zu einer Leistungsschau aktueller, oft erschreckend kitschiger 3-D-Produktionen geriet. Besonders enttäuschend, dass Beziehungen zur Welt jenseits der Leinwand - Games, Virtual Reality oder gar Kriegstechnik - nicht einmal angesprochen wurden. Da hätte man sich den Geist des letztes Jahr verstorbenen Harun Farocki über den Kinosälen von Oberhausen gewünscht. (Silvia Hallensleben aus Oberhausen, DER STANDARD, 7.5.2015)

  • Wenn digitale Vögel auf reale Schwärme treffen: Der Pole Wojciech Bakowski durfte in Oberhausen für seinen Film "Glos mojej duszy / Klang meiner Seele" den Großen Preis der Jury entgegennehmen.
    foto: kurzfilmtage oberhausen

    Wenn digitale Vögel auf reale Schwärme treffen: Der Pole Wojciech Bakowski durfte in Oberhausen für seinen Film "Glos mojej duszy / Klang meiner Seele" den Großen Preis der Jury entgegennehmen.


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