Zentralmatura: Oberflächlich tief

Kommentar der anderen6. Mai 2015, 17:04
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Beim Literaturbeispiel der Deutsch-Matura geht es nicht um Literatur. Im Gegenteil: Dieses Prüfungsformat mit seinem engen Wörterkorridor und scheinbarer Textsortenreinheit widerspricht allem, wofür Literatur steht

Die gute Nachricht zuerst: Die Deutsch-Zentralmatura verlief klaglos, es gab anregende Themenstellungen. Auch das Literaturbeispiel stellte einen für diesen Zweck geeigneten Text zur Diskussion. Die Aufgabe bestand in einer Interpretation mit im Prinzip durchaus nachvollziehbaren Arbeitsaufträgen.

Patrick Süskinds kurze Prosa Der Zwang zur Tiefe erzählt von einer jungen Künstlerin, die nach ihrer ersten Ausstellung in der Zeitung lesen muss, sie habe Talent, es fehle ihren Arbeiten aber an Tiefe. Sie lässt sich von diesem Befund mehr und mehr verunsichern, ihre neuen Entwürfe misslingen, sie beginnt Vergleiche zu ziehen und verliert den Glauben an sich. Ihr gesamtes Leben gerät aus der Bahn, und endlich begeht sie Selbstmord.

Derselbe Kritiker, der am Anfang ihres Unglücks steht, befindet in seinem Nachruf, der Keim des tragischen Endes liege wohl im Individuellen, im gnadenlosen Zwang zur Tiefe, den die Künstlerin sich auferlegt habe.

Und nun zur schlechten Nachricht: Es geht beim Literaturbeispiel eigentlich nicht um Literatur. Sie ist bloßes Vehikel für eine Auseinandersetzung mit dem übergeordneten Hauptthema "Die Macht der Kritik". Jeder der Arbeitsaufträge würde genauso gut etwa auf einen journalistischen Text anwendbar sein.

Mit keinem Wort etwa wird zum Beispiel auf die literarische Verfahrensweise eingegangen, denn die Geschichte ist keineswegs, wie man glauben könnte, eine todtraurige, sondern, wie bei Süskind zu erwarten - man denke an Kir Royal oder Rossini -, eine bittere Satire auf den Kulturbetrieb, dem der Autor sich übrigens selbst konsequent entzieht.

Dass es diese Form der Reifeprüfung unmöglich macht, auch nur das geringste Wissen über einzelne Autoren vorauszusetzen, ist hinlänglich bekannt. Dies sollte nach dem Willen der Erfinder wenigstens im Ansatz durch eine beigefügte Info-Box kompensiert werden. Die aber spricht ihrem Namen Hohn, denn man erfährt in diesem Kasten lediglich, Patrick Süskind sei 1949 geboren und Deutscher.

Als Vorzug der neuen Matura wurde auch verkauft, jede Aufgabenstellung werde in einen situativen Kontext eingebettet, wodurch ein Praxisbezug hergestellt werde. Da fanden sich die Kandidatinnen und Kandidaten plötzlich als Delegierte einer Uno-Weltjugendkonferenz wieder oder als engagierte Umweltschützer in einem Bürgerbeteiligungsverfahren. Bei literarischen Themen tat man sich damit stets besonders schwer, und schon bei der Probeklausur für 2015 begnügte man sich wie jetzt mit dem kleinlauten Hinweis, der situative Kontext bestehe in einer schriftlichen Reifeprüfung, bei der es nachzuweisen gelte, dass man literarische Texte analysieren und interpretieren könne. No na.

Kein Wissen nötig

Fazit: Nach vier Jahren Oberstufe muss man für die erfolgreiche Bewältigung eines Literaturbeispiels bei der Deutsch-Matura genau nichts über Literatur wissen, kein spezifisches Handwerkszeug nachweisen, denn allgemeine Minimalkenntnisse zur Textanalyse und -interpretation reichen völlig aus. Auf dieses Ziel hin müssen die jungen Leute im Unterricht vorbereitet werden: Wie nehme ich, ohne viel gelernt zu haben, zu einem beliebigen Thema im Korsett einer mehr oder weniger künstlichen Textsorte halbwegs kompetent Stellung?

Es bleibt dem privat motivierten Engagement der Deutsch-Lehrkräfte überlassen, daneben Mittel und Wege zu finden, den Mehrwert, die Kraft, das sinnliche Potenzial literarischer Kunstwerke überzeugend zu vermitteln, unter den schwierigen Rahmenbedingungen der Medienrevolution Lust aufs Lesen, auf literarische Aha-Erlebnisse zu machen, vielleicht sogar aufs Wissen um Zusammenhänge, das nicht nur für das Verständnis vieler literarischer Texte, sondern auch fürs Leben dienlich ist.

Reform auf der Agenda

Wie gesagt, gut ist es gegangen, nichts ist geschehen. Die Deutsch-Matura dürfte ein Erfolg gewesen sein. Aber dieses Prüfungsformat mit seinem engen Wörterkorri- dor und scheinbarer Textsortenreinheit widerspricht allem, wofür Literatur steht. Man hört indes läuten, eine substanzielle Nachbesserung der Deutsch- Matura stehe auf der Agenda. Hoffentlich. (Ludwig Laher, 6.5.2015)

Ludwig Laher (Jg. 1955) ist Schriftsteller, Germanist und gelernter AHS-Lehrer. Er koordiniert die kritische Begleitung der Deutsch-Zentralmatura durch die IG Autorinnen Autoren.

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