Neben- und Danebenwelten

Kolumne6. Mai 2015, 17:07
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Die Interpretation der Paralleluniversen-Theorie lässt sich ebenso in politischem Zusammenhang anwenden

Laut einem weitverbreiteten Vorurteil sind wir nicht in der Lage, aus den immer abstrakter werdenden Theorien der Astrophysik irgendeinen Nutzen für unser tägliches Leben zu ziehen. Dass dem nicht so sein muss, hat in der Vorwoche Stephen Hawking aufgezeigt. Im Zuge einer öffentlichen Befragung gelang es ihm, ein über den Ausstieg des Sängers der Band One Direction verzweifeltes Mädchen zu trösten. Hawking hält es nämlich für möglich, dass in einem anderen Universum der schmerzlich vermisste Frontmann nicht nur weiterhin Mitglied der Band, sondern auch mit dem Mädchen glücklich verheiratet sei.

Diese Interpretation der Paralleluniversen-Theorie lässt sich ebenso in politischem Zusammenhang anwenden. Am Wochenende davor fand in Wien eine Demonstration statt unter dem Motto "Demo für die geschichtliche Wahrnehmung, dass kein Genozid in Armenien passiert ist". Das mag ähnlich sinnvoll klingen wie "Sitzblockade gegen die sinnliche Wahrnehmung, dass die Schwerkraft existiert", doch das darin enthaltene Trostpotenzial für von den Zumutungen der Realität Überforderte ist nicht zu unterschätzen. Parallel zu einer Parallelwelt, in der besagter Völkermord nicht stattgefunden hat, gibt es bestimmt auch eine Welt, in der man sich über Uneinsichtige, die das nicht wahrhaben wollen, auch nicht aufregen muss.

Auf diese Art könnten wir uns viel Ärger ersparen. Zum Beispiel indem wir uns an von der herkömmlichen Realität verschont gebliebenen Welten erfreuen, in denen die Hypo Alpe Adria eine erfolgreiche Bank, Österreich Fußballweltmeister und Julius Meinl ein hochanständiger Geschäftsmann ist.

An dieser Stelle sei einmal der Standard gelobt, der über viele Jahre die Etablierung einer Parallelwelt zum tristen Alltag des österreichischen Bundesheeres ermöglicht hat. Ihr Erfinder ist der auch privat gern lustig verkleidete Conrad Seidl, dem es immer wieder gelingt, mit überbordender Fantasie Gegenentwürfe zur Realität der Streitkräfte zu ersinnen. So entzückte er unlängst mit der These, dass die trotz Klagen noch immer nicht vollständig veröffentlichte, von absurden Scheingeschäften durchsetzte Liste der Eurofighter-Gegengeschäfte (von Waffenhändlern vermittelte Klopapiermaschinen, Wertsteigerungen von Schrottgeräten um den 810.000-fachen Wert etc.) belege, dass der Flieger für Österreich "ein gutes Geschäft" gewesen sei. Noch verblüffender dann kurz darauf seine Rechtfertigung der Dienstwagenaffäre des Verteidigungsministers. Dieser müsse "immer erreichbar sein", argumentiert Seidl gegen die kleinliche Unterscheidung von Automobil und Mobiltelefon, denn "ein Politiker hat verfügbar zu sein, wenn er dringend gebraucht wird".

Allein die Vorstellung einer Welt, in der Gerhard Klug dringend gebraucht wird, ist von derartig märchenhafter Exzentrik, dass sie bereits andere zur Erschaffung neuer Parallelwelten inspiriert hat: Die FPÖ-Abgeordnete Susanne Winter will in einer parlamentarischen Anfrage von Klug wissen, ob "das österreichische Bundesheer auf einen Angriff durch die EU ausreichend vorbereitet ist".

Sicher nicht mit einem ohne Chauffeur schutzlos im Feindesland steckenden Minister. (Florian Scheuba, 6.5.2015)

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