Schlechte Lehrerausbildung gefährdet Musikunterricht

6. Mai 2015, 17:00
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Um die musische Ausbildung an Österreichs Volks- und Mittelschulen sei es schlecht bestellt, warnen Musikrat und Lehrervertreter

Wien - Wissenschaftlich gesehen wären die wichtigsten Schulfächer Musik, Sport, Theaterspielen, Kunst und Handarbeiten. Das findet zumindest die Hirnforschung. Die Realität an Österreichs Schulen sieht freilich anders aus. Sogenannte Nebenfächer, allen voran die künstlerischen, kommen bei Kürzungen nur allzu oft unter die Räder.

Der Österreichische Musikrat (ÖMR) steht klar auf Seite der Hirnforschung. Er beklagt in einer Aussendung zum wiederholten Mal die Situation der Musikerziehung an den Volks- und Sekundarschulen. Schon im Oktober letzten Jahres schlug man Alarm: Bei den neuen Lehrplänen an den pädagogischen Hochschulen sei die Stundenanzahl für die Musikausbildung weiter "drastisch zurückgefahren" worden. "Statt wie früher rund zwölf Stunden umfasst die Musikausbildung für angehende Volksschullehrer in der Grundausbildung in Zukunft nur noch fünf Stunden", kritisierte der Wiener Musik-Fachinspektor, Ferdinand Breitschopf.

Fachlehrersystem für die Volksschulen

Eine Musiklehrerin an einer pädagogischen Hochschule in Wien, die anonym bleiben will, bestätigte dem STANDARD die unbefriedigende Situation: "Wenn die neuen Lehrpläne im Herbst in Kraft treten, wird es keine Stimmausbildung mehr geben, und das Erlernen eines Instruments gibt es nur noch als Freifach." Die Erstellung der Lehrpläne fällt weitgehend unter die Schulautonomie. Bei deren Ausarbeitung setze sich der stärkere Teil des Kollegiums durch. "Und das sind immer die Hauptfächer", so die Lehrerin.

Der Musikrat und die Arbeitsgemeinschaft Musikerziehung (AGMÖ) versuchen gegenzusteuern. Heute schon würden sich viele Volksschullehrer wegen ihrer schlechten Ausbildung nicht mehr trauen, Musik zu unterrichten, bedauert Leonore Donat von der AGMÖ. An manchen Volksschulen würden das bereits die Eltern selbst übernehmen. An den Neuen Mittelschulen steht oft nur noch eine Stunde Musikerziehung auf dem Lehrplan. Das wiederum sei für gut ausgebildete Musiklehrer mit Uni-Abschluss frustrierend, sagt Donat.

Da die Stundenreduzierung bisher nicht zurückgenommen wurde, hat die AGMÖ nun ein Positionspapier mit eigenen Lösungsvorschlägen erarbeitet. Zentrales Element: die Etablierung eines Musik-Fachlehrersystems für die Volksschulen. Außerdem habe sich an vielen Standorten mittlerweile ein informelles Stützlehrersystem mit den Musikschulen gebildet. Dafür brauche es eine rechtliche Verankerung.

Musik-Universität unter Druck

Für die Sekundarstufe der Zehn- bis 14-Jährigen fehlen Lehrer, sagt Harald Huber vom Musikrat. In der Folge werden Stunden gekürzt. Den akuten Lehrermangel könne die Musik-Uni nicht mehr füllen. "Es gibt nur 40 Studierende pro Jahrgang - und das bei 120 Bewerbungen. Eine finanzielle Aufstockung brächte mehr Studienplätze, so Huber. Die Grünen brachten eine parlamentarische Anfrage zur prekären Situation ein. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) will von einer Reduktion im Ausbildungswesen nichts wissen: Die Stundenaufteilung passiere autonom an den Schulen und erfülle alle Vorgaben, so die Antwort. Kürzungen bei der Nachwuchsförderung seien der "Konsolidierung des Bundeshaushalts" geschuldet.

Laut grünem Bildungssprecher Harald Walser stünden die musischen Fächer "enorm unter Druck". Dabei habe sich international längst die Auffassung durchgesetzt, dass musische Bildung den Entwicklungsprozess entscheidend unterstützt.

Leonore Donat von der AGMÖ appelliert an das österreichische Selbstverständnis: "Wir sagen immer Musikland Österreich, alle Menschen verbinden Mozart und Schubert mit uns. Und dann haben wir eine Musikausbildung, die fast kriminell ist." (Stefan Weiss, 6.5.2015)


  • An Österreichs Schulen geht die Muse langsam flöten. Musikrat und Lehrer schlagen Alarm.
    foto: dpa/heimken

    An Österreichs Schulen geht die Muse langsam flöten. Musikrat und Lehrer schlagen Alarm.

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