Mauthausen-Komitee: "Gedenkstätten sollen Orte des Lernens sein"

7. Mai 2015, 07:00
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Die moderne Gedenkstätte beschäftigt sich nicht nur mit der Vergangenheit, sondern mit dem Heute und Morgen. Dafür braucht es politisches Rückgrat, sagt Komitee-Vorsitzender Willi Mernyi

STANDARD: In der heimischen Erinnerungskultur herrscht mitunter eine gewisse "Überdrussrhetorik" vor - nach dem Motto "Warum noch Erinnern an den Nationalsozialismus?". Braucht es 70 Jahre nach dem Ende des Schreckens noch Gedenkstätten?

Mernyi: Unbedingt. Es gibt kaum mehr Überlebende, daher sind Gedenkstätten extrem wichtig. Der entscheidende Punkt ist aber, dass Gedenkstätten heute Orte des Lernens sein sollen - und dort eben nicht ausschließlich die Vergangenheit thematisiert wird, sondern man sich mit dem Heute und Morgen beschäftigt.

STANDARD: Die aus Wien stammende amerikanische Literaturwissenschafterin und Holocaustüberlebende Ruth Klüger kritisiert in ihrer Autobiografie "Weiter leben - eine Jugend", dass Gedenkstätten nichts von dem wiedergeben, was diese Orte einst als KZ bedeutet haben. Sie seien "leer vom alten Geschehen". Neugierde und Sensationslust würden im Vordergrund stehen. Verstehen Sie diese Kritik?

Mernyi: Natürlich ist es völlig unmöglich, sich als Besucher diese unglaubliche Grausamkeit in vollem Umfang vorzustellen. Aber andererseits sind es eben auch Orte des Gedenkens und des Lernens - somit haben sie auf jeden Fall ihre Berechtigung.

STANDARD: Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen wird 2016 eine Bundesanstalt. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Mernyi: Bisher wurde die Gedenkstätte vom Innenministerium verwaltet, im wahrsten Sinn des Wortes. Jetzt wird man hoffentlich von einer reinen Verwaltung wegkommen - hin zu einer echten Leitung. Durch die Auslagerung übernimmt die Führung ein Kuratorium, in dem auch andere Ministerien und NGOs wie das Mauthausen-Komitee dabei sind. Es kann mit dieser Struktur gelingen, dass wir als Gedenkstätte deutlich offener werden.

STANDARD: Kritisiert wird mitunter auch, dass das offizielle Gedenken in Mauthausen stattfindet, andere Stätten des Grauens - immerhin gab es 50 Nebenlager - dadurch übersehen werden. Braucht es da ein Umdenken der Republik?

Mernyi: Wir haben Mauthausen- und wir haben Außenlager- Guides. Wir machen unsere Begleitungen also auch ganz bewusst in den Außenlagern.

STANDARD: Dennoch sind andere Orte des NS-Grauens kaum in der gesellschaftlichen Wahrnehmung präsent. Im ehemaligen KZ Gusen waren ab 1942 mehr Menschen interniert als in Mauthausen - 44.000 Menschen fanden den Tod.

Mernyi: Natürlich konzentriert sich alles auf die KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Aber gerade mit den Aktivitäten der Außenlager-Guides versuchen wir gegenzusteuern. Ich verstehe die Kritik, und ich will auch nicht haben, dass es am Ende heißt: Ja, da hat es den schrecklichen Ort in Mauthausen gegeben. Nein. 50 Orte in ganz Österreich.

STANDARD: Welche Rolle spielt es in der Gedenkkultur, dass das Mauthausen-Komitee doch eine sehr politische Organisation ist. Erleichtert die SPÖ-Nähe die Arbeit?

Mernyi: Das Mauthausen-Komitee wurde vom ÖGB, der katholischen Kirche und der Israelitischen Kultusgemeinde gegründet. Die drei Organisationen bestimmen auch den Vorstand. Wir sind also breit aufgestellt. Aber eines ist klar: Wir sind kein klassischer Gedenkverein. Wir gedenken, mischen uns aber auch sehr bewusst und aktiv in die Tagespolitik ein. Ich kann nicht als Gedenkverein sagen, der Rechtsextremismus von heute sei nicht mein Thema - da habe ich nichts verstanden.

STANDARD: Im Jahr 2013 gab es 530 rechtsextremistisch motivierte Tathandlungen in Österreich. Dreimal wurde auch die Gedenkstätte mit Nazi-Schmierereien geschändet. Wie soll man dem steigenden Rechtsextremismus begegnen?

Mernyi: Es gibt kein Allheilmittel. Aber eine Sozialpolitik, die den Namen auch verdient, und eine entsprechende Bildungspolitik sind ein starker Ansatz gegen Rechtsextremismus. Und man muss endlich einmal akzeptieren, dass all diese Delikte keine Lausbubenstreiche sind - durch ein Wegschauen wird nämlich nur die Kriminalstatistik schöner, das Problem aber sicher nicht kleiner. (Markus Rohrhofer, 7.5.2015)

Willi Mernyi (46) ist Leiter des ÖGB-Referats für Organisation, Koordination und Service und Vorsitzender des Mauthausen-Komitees Österreich.

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  • Gedenken muss für Willi Mernyi heute auch politisch sein.
    foto: apa/pfarrhofer

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  • 81.000 Namen wider das Vergessen: Im "Raum der Namen" in der Gedenkstätte Mauthausen wird all jener gedacht, die in den KZ Mauthausen und Gusen sowie in den Außenlagern umgekommen sind.
    foto: apa/rubra

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