Unterhauswahl: Klinkenputzen im Ohio Großbritanniens

Reportage7. Mai 2015, 12:35
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Broxtowe ist weder arm noch reich, weder links noch rechts. In solchen Wahlbezirken entscheidet sich das Schicksal der britischen Konservativen

Mit der Wahl zum Unterhaus will Narinder Ahluwalia aus dem mittelenglischen Stapleford möglichst wenig zu tun haben, "dafür fehlt mir die Zeit". Jetzt aber steht Anna Soubry im Vorgarten des 50-Jährigen. Die 57-Jährige war in den vergangenen fünf Jahren Abgeordnete für den Wahlkreis Broxtowe bei Nottingham, zu dem auch Stapleford gehört. Und "vor einer Abgeordneten hat man natürlich Respekt", sagt der Bewährungshelfer.

Immer wieder hat Soubry Gelegenheit, ihr Sprüchlein aufzusagen: "Mein Name ist Anna, Anna Soubry. Ich war die letzten fünf Jahre Ihre Abgeordnete. Kann ich auf Ihre Stimme zählen?" Wenn auf ihr Klingeln nicht geantwortet wird, steckt sie Flugblätter ihrer konservativen Partei oder persönliche Briefe in die Briefkästen.

Auch im 21. Jahrhundert bedeutet Wahlkampf hier noch immer vor allem eines: die persönliche Ansprache. Und so eilen Soubry und ihre Konkurrenten durch die Straßen. Gut 70.000 Menschen stehen im Wahlregister, zuletzt machten 73 Prozent ihr Kreuzchen an der Urne. Bis Donnerstagabend haben die Kandidaten noch Zeit für ihre Werbung.

Knappe Mehrheiten

Auf dem Stimmzettel stehen mehr als ein halbes Dutzend Namen, auf den Versammlungen beantworteten auch die Bewerber von Liberaldemokraten, Grünen und Ukip geduldig Fragen. Doch in den meisten der 650 Wahlkreise verengt das unerbittliche Mehrheitswahlrecht die Wahl auf eine klare Alternative. Rund 150 Wahlkreise gelten als "marginals", haben also besonders knappe Mehrheiten. Broxtowe zählt dazu: 2010 gewann Soubry hier mit nur 389 Stimmen. Jetzt wiederholt sich das Duell – und sein Ausgang wird zur Klärung der Frage beitragen, ob die Briten am Donnerstag Premier David Cameron die Stange halten oder ihn durch Oppositionsführer Edward Miliband ablösen.

Broxtowe stellt laut "Economist" "das Ohio Großbritanniens" dar – in der Mitte des Landes, weder links noch rechts, weder arm noch reich. Der Wahlkreis sollte fruchtbares Territorium sein für die Konservativen: Nur ein Zehntel der Wähler hier wohnt in Sozialwohnungen, drei Viertel leben in den eigenen vier Wänden. Arbeitslosigkeit gibt es kaum; viele Pendler arbeiten in Nottinghamer Software-Firmen.

Tatsächlich wurde hier jahrzehntelang Tory gewählt. Erst Tony Blairs Labour-Sieg 1997 schwemmte Nick Palmer ins Unterhaus. Der Mathematiker etablierte sich als treuer Vertreter lokaler Interessen und trat wegen des Machtverschleißes seiner Partei immer mehr als Unabhängiger auf. Dass er 2010 trotz der hohen Ablehnung von Labour-Premier Gordon Brown noch fast gewann, hat Soubry einen gehörigen Schrecken eingejagt. "Vor fünf Jahren dachten alle, ich würde gewinnen", erinnert sich die energische Konservative, "diesmal erwarten alle meine Niederlage."

Staatssekretärin in mehreren Ministerien

Dabei hat auch Soubry geduldig gearbeitet. Sie hat Premier Cameron nach Stapleford geholt und ihm die Schlaglöcher in den Straßen gezeigt, woraufhin die Koalition 2,7 Millionen Pfund lockermachte. Nebenbei machte Soubry Karriere, wurde Staatssekretärin erst im Gesundheits-, dann im Verteidigungsressort. Doch vor Ort zählt dies wenig.

Auf die direkte Ansprache kommt es an, und da hat die Labour-Opposition mehr zu bieten. "Wir haben deutlich mehr Leute, die für uns unterwegs sind", berichtet Palmer (65). Allein im Monat vor der Wahl hätten er und seine Mitarbeiter 9.000 Menschen persönlich kontaktiert. Besonders am Wochenende schwärmen regelmäßig drei Dutzend aus der nahen Großstadt Nottingham aus, um auszuhelfen. An diesem Feiertagsabend sind freilich nur drei Unentwegte nach Attenborough gekommen, um mit Palmer an Türen zu klopfen.

Die erste Tür sieht vielversprechend aus: Da hängt eine kleine Kuhglocke mit der Aufschrift "Interlaken". Der Bewohner schwärmt auch von der Schweiz – aber "ehrlich gesagt, Ed Miliband kann ich mir als Premier nicht vorstellen". Und die schottischen Nationalisten sind ihm auch nicht geheuer. Drei Minuten später macht Palmer ein Kreuz auf seinem Ausdruck: Diese Stimme ist verloren. Hingegen wird er andernorts begeistert begrüßt. "David, es ist Nick!", ruft eine Frau nach ihrem Mann. Beide beteuern Labour ihre Unterstützung.

Gerade in den wohlhabenden Bezirken Attenboroughs und Beestons, wo Akademiker und leitende Angestellte wohnen, bekunden viele ihre Sympathie mit der Arbeiterpartei. "Lauter Champagnersozialisten", schnaubt Anna Soubry verächtlich. Ihre Bemühungen zielen mehr auf die kleinen Leute. Auf sie hofft Soubry: "Die Leute sind nicht begeistert. Aber es geht ihnen auch nicht schlecht genug, um uns von der Macht zu verjagen." (Sebastian Borger, 7.5.2015)

  • Wer der nächste britische Regierungschef wird, ob Amtsinhaber David Cameron (links) oder doch Labour-Chef Edward Miliband (rechts), das entscheidet sich am Donnerstag.
    foto: reuters/peter nicholls

    Wer der nächste britische Regierungschef wird, ob Amtsinhaber David Cameron (links) oder doch Labour-Chef Edward Miliband (rechts), das entscheidet sich am Donnerstag.

  • Prognosen für die britische Unterhauswahl.

    Prognosen für die britische Unterhauswahl.

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