David Cameron: Der ausgeglichenste Premier aller Zeiten

Porträt7. Mai 2015, 12:35
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Der britische Premier muss sich Vorwürfe gefallen lassen, nicht zielstrebig genug zu sein

Zum Schluss bestreitet David Cameron seine Auftritte am liebsten mit offenem Hemd und aufgekrempelten Ärmeln. "Leidenschaft zeigen, die Lautstärke hochfahren", sei jetzt angesagt: "Ich will den Leuten sagen, was ich wirklich denke."

Ist es dafür nicht schon fast zu spät? Fünf Jahre in der Downing Street haben dem Gesicht des Premiers (48) ein paar Falten hinzugefügt. Die Körpersprache aber hat sich kaum verändert. Wenn Cameron als Staatsmann auftritt, hochgewachsen im Maßanzug, rhetorisch brillant, cool bis an die Haarspitzen, wirkt er wie geschaffen für den Posten. Was lange Eindruck machte, wird ihm nun vorgeworfen: Dem Absolventen von Eton und Oxford sei alles in den Schoß gefallen. Das Amt mache ihm Spaß, der Streit weniger.

Kompliment mit Einschränkung

"Ich wirke eben immer gleichmütig, dabei arbeite ich sehr hart", antwortet Cameron. Jeden Tag sitzt der Chef der sechstgrößten Industrienation der Welt ab 5.30 Uhr am Schreibtisch, ehe er mit Samantha und den drei Kindern frühstückt. Die Beamten loben den Chef: Der arbeite brav seine Akten ab und treffe klare Entscheidungen. Er sei, schreibt die Times-Kolumnistin Janice Turner, "der wohl ausgeglichenste Premier, den wir je hatten". Doch dem Kompliment folgt gleich die Einschränkung: Genau deshalb kämpfe er nicht entschlossen um eine Fortsetzung seiner Amtszeit.

Gleich zu Wahlkampfbeginn beging Cameron einen Kardinalfehler: In entspannter Atmosphäre, beim Kochen am heimischen Herd, gestand er, auch Politiker hätten ihr Verfallsdatum: "Zwei Amtszeiten sind gut, drei eigentlich zu viel." Die eigentlich sympathische Ehrlichkeit löste wilde Nachfolgerspekulationen aus. Vor allem aber hatte Cameron so getan, als habe er die zweite Amtszeit schon im Sack.

"Kompetenz" versus "Chaos"

Weit gefehlt. Oppositionsführer Edward Miliband entpuppte sich im Wahlkampf als harter Konkurrent. Vor allem aber scheint die zentrale Botschaft der konservativ-liberalen Koalition nicht zu verfangen: mit uns wirtschaftliche Kompetenz, bei der Konkurrenz hingegen nur Chaos. Die Tories haben tatsächlich ordentliche Daten vorzuweisen. Doch schlägt sich das alles kaum in den Geldbeuteln nieder, die Erinnerung an sieben magere Jahre bleibt frisch.

Also half der Premier nach: Er schloss eine Erhöhung der Einkommen- und Mehrwertsteuer für fünf Jahre aus, versprach sogar eine Steuerbremse. Mieter von Genossenschaften sollen subventioniert ihre Wohnung kaufen können, berufstätige Eltern kleiner Kinder erhalten bis zu 30 Stunden Krippenbetreuung pro Woche kostenlos. Auch das nationale Gesundheitssystem NHS will Cameron stärken. Wie all das finanziert werden soll, bleibt offen.

Die Wahlkampagne haben die Konservativen schon verloren: an die eifrigeren Parteisoldaten von Labour in England, an die triumphal auftretende Nationalpartei SNP in Schottland. Mag sein, dass sie die Wahl dennoch gewinnen, weil die letztlich wahlentscheidende Mitte - das beinahe mythische Middle England - vor der Unsicherheit unklarer Verhältnisse zurückschreckt. Der neuerdings leidenschaftliche Premier glaubt daran: "Wir schaffen das." (Sebastian Borger, 7.5.2015)

  • Hemdsärmelig gibt sich David Cameron im Wahlkampffinale.
    foto: reuters / peter nicholls

    Hemdsärmelig gibt sich David Cameron im Wahlkampffinale.

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