Körperverletzungsprozess: Ein paar Gläschen und ein Doppelleben

7. Mai 2015, 05:30
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Ein Mann soll seine Ex-Partnerin zweimal attackiert haben. Die war laut Polizei immer sturzbetrunken, was sie nun bestreitet

Wien – "Das war keine Beziehung, sondern ein Stress", grummelt Helmut S. vor Richterin Gerda Krausam. Der Stress soll dazu geführt haben, dass er seine Kurzfrist-, zu dieser Zeit schon Ex-Partnerin im Jänner 2014 zweimal attackiert haben soll. Die Anklage lautet daher auf Körperverletzung.

Das Milieu, in dem die Geschichte spielt, ist jetzt eher nicht gutbürgerlich. "Gehen Sie derzeit einer Beschäftigung nach?", fragt Krausam den 47-Jährigen zu Beginn. "AMS", lautet die Antwort. Was die Richterin dann doch nicht als Arbeit wertet, sondern für das Protokoll festhält, dass der Angeklagte arbeitslos ist.

Die erste Tat soll sich am 5. Jänner 2014 in der Wohnung von Frau T. ereignet haben. S. erzählt es so: Er war zu Besuch, man trank. "Waren Sie alkoholisiert?", fragt Krausam. "Nach zwei Bier habe ich gesagt – aus. Das dritte habe ich getrunken, um den Geschmack vom Sekt wegzubekommen." Durch Medikamentenkonsum sei er aber schon beeinträchtigt gewesen.

Tochter nicht erreicht

Dann wollte er mitten in der Nacht seiner Tochter telefonisch zur Volljährigkeit gratulieren. Die hob aber nicht ab. Er suchte das WC auf, bei seiner Rückkehr entdeckte er, dass Frau T. aus seinem Handy die Nummer der Tochter gesucht und als Vermittlerin angerufen hatte.

"Da war ich grantig", erzählt er nun. "Wie hat sich denn die Grantigkeit geäußert?" – "Ich wollte nur die Nummer von der Jasmin aus ihrem Handy löschen, sie hat in meinem Privatleben geschnüffelt."

Dass eine kleine Rangelei um das Mobiltelefon entstand, gesteht er ein. Nur: Dass er der Frau zwei Ohrfeigen gegeben und sie gewürgt habe, bestreitet er vehement.

Im Gegenteil, die sei so betrunken gewesen, dass sie nach dem Polizeieinsatz selbst zu Sturz gekommen sei. Daher müssten auch die Verletzungen stammen, die im Spital diagnostiziert wurden.

Hört sich also alles nach den Ausreden an, mit denen gewalttätige Männer das blaue Auge ihrer Frau vor Polizei und Gericht rechtfertigen: Sie ist gegen den Türstock gerannt oder gestürzt.

Treffen vor Lokal

Zwei Tage später soll der zweifach Vorbestrafte neuerlich gewalttätig geworden sein. Vor einem Lokal soll er auf der Straße die Frau so heftig an den Schultern gepackt haben, dass die Prellungen erlitt, wirft ihm die Anklage vor.

Im Gegenteil, behauptet er: "Ich bin zufällig vorbeigekommen, sie war so betrunken, dass sie zweimal gestürzt ist. Ich wollte ihr aufhelfen, sie hat sich gewehrt." Ihr Begleiter habe sogar ihn mit seiner Aktentasche verletzt. Also habe er die Polizei gerufen – was tatsächlich dokumentiert ist.

Er sieht also eine Verleumdung und vermutet auch ein Motiv: "Das ist die Rache dafür, dass ich ihr Doppelleben aufgedeckt habe. Sie hat sich in gewissen Hotels unter falschem Namen mit Herren getroffen, ich habe die Rechnungen gefunden", zürnt er.

Frau T. will in Abwesenheit des Angeklagten vernommen werden, kündigt Irene Oberschlick, die Opfervertreterin, an. Auch der Angeklagte will um keinen Preis mit seinem angeblichen Opfer im Raum sein, Richterin Krausam schickt ihn also ins Nebenzimmer.

"Wollte nicht alleine sein"

S. hört durch die offene Tür, wie die Zeugin die Angelegenheit schildert. Die 63-Jährige macht zunächst einen guten Eindruck. "Er hat den Abend bei mir verbracht, weil er nicht alleine sein wollte", sagt sie zunächst. Als seine Tochter nicht abhob, versuchte sie den Kontakt herzustellen. "Ich dachte mir, ich mache ihm eine große Freude."

Machte sie nicht. "Er ist zurückgekommen, hat mir zwei Ohrfeigen gegeben, mich gewürgt und zu Boden gestoßen. Dann bin ich zwischen seine Beine zu liegen gekommen, er hat mir fast die Luft abgedrückt."

"Waren Sie alkoholisiert?", will Krausam auch von ihr wissen. "Ich war sehr gut drauf. Ich trinke gerne ein paar Gläschen, aber ich war nicht alkoholisiert", sagt die Pensionistin bestimmt.

Nun wird es interessant: Denn Krausam hält ihr das Einsatzprotokoll der von Nachbarn alarmierten Polizei vor. "Da steht, dass Sie stark alkoholisiert waren. Sie haben auch nichts über Verletzungen gesagt, und die Beamten haben auch keine wahrgenommen."

Erst 20 Stunden später im Spital

Was Krausam auch wundert: Erst 20 Stunden später erschien T. im Spital, wo Hämatome diagnostiziert wurden. "Ich war einfach so geschockt, aber sicher nicht alkoholisiert", beteuert die Zeugin.

Die auch den Vorfall auf der Straße ganz anders schildert. Sie sei mit einem Bekannten in einem Lokal gewesen, als sie gehen wollte, sei plötzlich der Angeklagte vor der Tür gestanden und habe sie an der Schulter gepackt.

Irgendwie habe sie sich befreien können, sei in ihre Wohnung gelaufen. "Wissen Sie, was vor Ort war, als die Polizei gekommen ist?", will die Richterin wissen. "Die war nicht dort", ist die Zeugin überzeugt. "Doch, sie haben sogar etwas gesagt zu den Beamten. Dass sie mehrmals mit der Faust ins Gesicht geschlagen wurden."

Dass sich Frau T. daran offensichtlich nicht erinnern kann, führt sie neuerlich auf einen Schockzustand zurück. Seltsamerweise haben die Polizisten sie allerdings neuerlich als stark alkoholisiert beschrieben. "Ich war gut drauf. Ich trink meine paar Gläschen, ich war früher im Gastgewerbe", streitet T. es neuerlich ab.

Fehlender Tatzeuge

Der Begleiter der Frau ist seit Juli 2014 in Wien nicht mehr gemeldet, seine Handynummer nicht vergeben. Angeblich ist er aber öfters im Lokal seines Bruders beim Prater zu treffen. Da er ein Tatzeuge ist, muss Krausam auf unbestimmte Zeit vertagen, um die Polizei nach ihm suchen zu lassen. (Michael Möseneder, 6.5.2015)

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