Experten: Haus der Geschichte wird viel teurer

6. Mai 2015, 13:59
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Schätzungen schwanken zwischen 20 und 60 Millionen. Mit Tiefspeicher für die Nationalbibliothek könnte das Projekt bis zu 120 Millionen kosten

Wien – Mit seiner Ankündigung, in der Neuen Burg ein "Haus der Geschichte" einrichten zu wollen, hat Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) vor einem halben Jahr alle Beteiligten überrascht. Die räumliche wie budgetäre "Redimensionierung" des "Weltmuseum Wien" eröffne die Chance, quasi zwei Museen zum Preis von einem zu bekommen, lautete die Botschaft. Das Projekt dürfte jedoch erheblich teurer werden.

Dass man mit jenen 11 Millionen Euro, die bei der Errichtung des "Weltmuseum Wien" im Corps de Logis eingespart werden, auskommen könnte, glaubt niemand mehr. Die Bandbreite der Schätzungen der von der APA befragten Experten ist jedoch enorm – sie reicht vom Doppelten bis zum Vielfachen, von 25 bis 60 Millionen Euro.

Dazu kommt noch der von der Österreichischen Nationalbibliothek angestrebte Tiefspeicher, der Eingang in das Regierungsübereinkommen gefunden hat und nun laut Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) möglicherweise auch "den Bedürfnissen der Universität Wien Rechnung tragen" könnte. Dessen Errichtung könnte nach Schätzungen mit weiteren 30 bis 60 Millionen zu Buche schlagen.

Ein Tunnel zwischen KHM und Weltmuseum

Im Kunsthistorischen Museum (KHM) wittert man aber auch die Chance, alte Projekte in diesem Zusammenhang neu zu beleben: die Unterkellerung des Maria-Theresien-Platzes sowie einen Besuchertunnel zwischen KHM-Hauptgebäude und dem Weltmuseum Wien unter dem Burgring. Auch auf die Notwendigkeit von Generalsanierungen des Hauptgebäudes und der Neuen Burg weist die KHM-Spitze in diesem Zusammenhang hin.

Im KHM soll Stefan Fleck, der für den allseits als vorbildlich und kostengünstig angesehenen Depotbau in Himberg mitverantwortlich war, erste Kalkulationen angestellt haben. Die Existenz dieses Papiers will der kaufmännische Geschäftsführer Paul Frey nicht bestätigen. Und eine Daumen-mal-Pi-Schätzung sei unseriös, ehe man das wissenschaftliche Konzept und das Raumkonzept des "Hauses der Geschichte" und die sich daraus ergebenden Konsequenzen kenne: "Ich weiß zwar genau, wie groß die Zahl Pi ist, wie lange der Daumen ist, wissen wir aber im Moment nicht annähernd."

90 bis 120 Millionen für gesamtes Projekt

Dennoch wagen sich manche aus der Deckung: "Inklusive Tiefspeicher mindestens 90 bis 120 Millionen Euro", nennt ein hochrangiger Museumsexperte eine geschätzte Gesamtzahl. Mit zumindest 50 Millionen exklusive Tiefspeicher rechnet der ehemalige KHM-Generaldirektor Wilfried Seipel. Auf 20 bis 25 Millionen (ohne Tiefspeicher) kommt ein anderer, konservativ kalkulierender Fachmann, der für die bereitliegenden 11 Millionen Euro nur ein müdes Lächeln übrig hat: "Damit wird sich das wohl nicht ausgehen."

Für die Neuaufstellung einer Sammlung kalkulieren die Fachleute zwischen 1.000 und 4.000 Euro pro Quadratmeter, bei der Kunstkammer sollen die Kosten zwischen 6.000 und 7.000 Euro (alles inklusive) gelegen sein. Allein dies zeigt schon die große Bandbreite der möglichen Kosten – zumal auch die für das "Haus der Geschichte" mehrfach genannten 3.000 Quadratmeter keine reinen Ausstellungsflächen sein dürften. Diese in der Neuen Burg freizumachen dürfte auch problematisch werden.

Musikinstrumente müssen wandern

Höchstwahrscheinlich wird die Sammlung alter Musikinstrumente weichen müssen. Derzeit sind auf 1.700 Quadratmetern rund 750 teilweise hochfragile Objekte ausgestellt. Eine Neuaufstellung auf rund 1.000 Quadratmetern könnte im Mezzanin der Neuen Burg oder im obersten Geschoß des Kunsthistorischen Museums erfolgen, erklärte Ostermayer im gestrigen Kulturausschuss. Zumindest Ersteres stößt auf wenig Gegenliebe im KHM, wo man für die durch Streichung des "Korridors des Staunens" des Weltmuseums wieder disponiblen Flächen lieber dem Ephesos-Museum zuschlagen möchte. Klar ist jedoch: Auch die Absiedlung, Verpackung, vorübergehende Lagerung und Neuaufstellung der alten Instrumente sind nicht geringe Kostenfaktoren.

Ostermayer, meint ein hochrangiger Museumsexperte, sei beim "Haus der Geschichte" "schlecht beraten" worden, die finanziellen Konsequenzen schätzt er als "enorm" ein. Wie die meisten Befragten glaubt auch er nicht daran, dass sich das Museum tatsächlich 2018 bereits eröffnen lasse. Bis Sommer soll eine international zusammengesetzte Expertengruppe unter Leitung des Historikers Oliver Rathkolb die inhaltliche Konzeption vorbereiten, erläuterte der Kulturminister gestern den Parlamentariern den weiteren Fahrplan: Auf diesem Grundgerüst aufbauend würden der Kostenrahmen errechnet und die Aufteilung der Räumlichkeiten erfolgen. Dann werde man das Projekt ausschreiben.

Harte Kritik von Museumsexperten

"All das, was Professor Rathkolb jetzt ankündigt, ist nie finanzierbar", glaubt Renate Goebl. Hinzu komme "das Zerstören der einen Sache mit Folgekosten und ein Kaputtsparen einer anderen Sache". Die geschätzten Kosten belaufen sich ihrer Meinung nach jedenfalls "fast auf jene eines Neubaus für das Haus der Geschichte".

Nahezu parallel müssten dann die Stellen für Kuratoren, Museums- und Sammlungsleiter sowie die großen baulichen Maßnahmen ausgeschrieben und vergeben werden. Für den reinen Ausstellungsaufbau wird dann ein Vorlauf von ein bis eineinhalb Jahren benötigt. Eine Eröffnung im Jahr 2018 hält Goebl daher für "völlig unrealistisch". (APA, 6.5.2015)

  • Das von Kulturminister Ostermayer angestrebte "Haus der Geschichte" in der Neuen Burg könnte viel teurer werden als ursprünglich gedacht.
    foto: bwag/commons

    Das von Kulturminister Ostermayer angestrebte "Haus der Geschichte" in der Neuen Burg könnte viel teurer werden als ursprünglich gedacht.

  • Die Sammlung alter Musikinstrumente wird wandern müssen. Wohin bleibt weiterhin unklar.
    foto: kunsthistorisches museum

    Die Sammlung alter Musikinstrumente wird wandern müssen. Wohin bleibt weiterhin unklar.

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