Die Vorteile von Mehrsprachigkeit

6. Mai 2015, 11:30
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An der Universität Graz wird der Spracherwerb im Kindesalter erforscht. Kognitive und soziale Faktoren spielen eine Rolle

Jedes fünfte Kind im Vorschulalter wächst in Österreich mehrsprachig auf. Der anschließende Bildungsalltag ist jedoch stark einsprachig, also deutsch, geprägt. Stefan Schneider vom Institut für Romanistik der Uni Graz hat in einem neuen Buch insbesondere den Forschungsstand zum Spracherwerb in den ersten drei Lebensjahren dokumentiert. Fazit: Mehrsprachigkeit ist buchstäblich ein Wortschatz, den es noch zu heben gilt.

Mehrsprachigkeit ist nichts Außergewöhnliches, sagt Schneider und widerspricht damit der vor allem in Europa und Amerika vorherrschenden Meinung von Monolingualität. Bis in die 1950er-Jahre galten zweisprachig aufwachsende Kinder als weniger intelligent.

Diese Vorurteile sind mittlerweile abgebaut. "Mehrsprachigkeit fördert die kognitiven Fähigkeiten", fasst Schneider den aktuellen Forschungsstand zusammen. "Es dürfte eine höhere Flexibilität bewirken und das Umschalten im Gehirn erleichtern."

Effizienz ist entscheidend

Für die Kinder spielt der Mix an Sprachen keine Rolle. "Sie wollen effizient kommunizieren", sagt der Wissenschafter. Zahlreiche Studien belegen: Mehrsprachigkeit ist heute der Normalfall – auf den jedoch beim Schuleintritt wenig Rücksicht genommen wird: "Kinder mit Migrationshintergrund werden mit Deutsch überfallen. Es wäre notwendig, den Unterricht mit der Erstsprache zu beginnen und Deutsch als weitere Schulsprache zu erlernen."

Bereits im Kindergarten sollte der Erstsprache, der von den Eltern weitergegebenen Sprache, mehr Augenmerk geschenkt werden. "Kinder sollen nicht das Gefühl haben, dass ihre Familiensprache minderwertig ist", so der Autor.

Prestige spielt eine Rolle

"Es kann auch einiges schiefgehen", sagt Schneider und verweist auf Faktoren, die den bilingualen Erwerb negativ beeinflussen können. "Die Akzeptanz kann vom Prestige der jeweiligen Sprache abhängen." Beispielsweise komme Italienisch besser an als Türkisch. Das soziale Umfeld sei ebenso mitentscheidend. "Wenn eine Sprache weniger stark verwendet wird, weil etwa ein Elternteil seltener daheim ist, müsste man dieses Defizit, zum Beispiel mit Reisen in dieses Land ausgleichen. Das kann sich nicht jeder leisten." (red, 6.5.2015)

  • Mehrsprachigkeit hat auch mit dem Selbstbewusstsein der Eltern zu tun. Kinder können problemlos zwei Sprachen erlernen.
    heribert corn

    Mehrsprachigkeit hat auch mit dem Selbstbewusstsein der Eltern zu tun. Kinder können problemlos zwei Sprachen erlernen.

  • Stefan Schneiders fundierte Einführung in den bilingualen Erstspracherwerb, das heißt den  gleichzeitigen Erwerb von zwei Sprachen in den ersten drei Lebensjahren. UTB 2015, 29,99 Euro
    epa

    Stefan Schneiders fundierte Einführung in den bilingualen Erstspracherwerb, das heißt den gleichzeitigen Erwerb von zwei Sprachen in den ersten drei Lebensjahren. UTB 2015, 29,99 Euro

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