Magersucht: "Am Beginn steht häufig eine Diät"

Ansichtssache6. Mai 2015, 14:09
195 Postings

Am Sachbuch-Markt boomen Diätratgeber. "Lies dich schlank", lautet die Devise. Vegan, Paleo, Rohkost & Co, sie alle wollen nur das Beste: unsere überflüssigen Kilos verringern. Doch auch die Verbreitung von Essstörungen nimmt kontinuierlich zu, wie der letzte Frauengesundheitsbericht zeigt. Während 1998 in Österreich 1.520 Personen infolge von Essstörungen stationär aufgenommen werden mussten, erhöhte sich die Anzahl der Patienten innerhalb von zehn Jahren auf beinahe das Doppelte (2.734 Fälle). Diese Zahlen sind "allerdings als 'Spitze des Eisbergs' zu lesen, da sie nur die wirklich schwer Erkrankten widerspiegeln", betont die Gesundheitspsychologin Beate Wimmer-Puchinger. Bei rund 90 Prozent der Fälle handelt es sich um Frauen.

Besonders die Anorexia nervosa, auch Magersucht genannt, zählt zu den gefährlichsten Essstörungen. An dieser psychischen Erkrankung leiden größtenteils Mädchen und junge Frauen im Alter zwischen 15 und 20 Jahren. Laut Angaben des Gesundheitsministeriums sind das insgesamt etwa 2.500 Betroffene.

Einstiegsdroge Diät

Dabei dienen Schlankheitskuren nicht selten als "Einstiegsdroge" zur Magersucht: "Am Anfang steht häufig eine Diät", sagt die Körpertherapeutin Gabriele Haselberger vom Therapiezentrum "Intakt", einer Wiener Anlaufstelle für Menschen mit Essstörungen. Mitunter beginnt der Prozess aber auch deutlich unauffälliger: "Manche fangen an, Kohlehydrate und Fett wegzulassen oder achten zunehmend darauf, was sie essen. Dabei muss es sich gar nicht um eine klassische Diät handeln", erklärt die Expertin.

Klare Alarmsignale sind die andauernde Beschäftigung mit dem Thema (nicht) Essen, eine deutliche Gewichtsabnahme in relativ kurzer Zeit, ständiges Kalorienzählen sowie die Einteilung von Lebensmitteln in "erlaubte" und "verbotene". Schritt für Schritt dominiert schließlich die Kontrolle über die Nahrungsaufnahme das gesamte Leben.

Körperliche und seelische Übergänge

Kritische Phasen sind Lebensabschnitte, die mit einer körperlichen und seelischen Veränderung verknüpft sind, wie etwa die Pubertät. "Nicht nur der Körper, sondern auch das soziale Verhalten und die Beziehungen erfahren bei Zwölf- bis 14-Jährigen einen massiven Wandel. Das heißt, die Peergroup wird zunehmend wichtiger und damit die Orientierung an den anderen", so Haselberger.

Anorexia nervosa hat nicht primär etwas mit den herrschenden Schönheits- und Schlankheitsidealen zu tun. Die zunehmende Verweigerung von Essen gilt vielmehr als Stellvertreter für die tatsächlichen Probleme. Experten sind überzeugt, dass multifaktorielle Ursachen für die Körperschemastörung verantwortlich sind.

Autonomiebestreben

"Grundsätzlich muss zwischen Auslöser und Ursache unterschieden werden", betont Haselberger. Auslöser kann ein punktuelles Ereignis sein, etwa eine abfällige Bemerkung von Erwachsenen oder Gleichaltrigen über die Figur eines Mädchens. "Das Körpergewicht ist aber nicht zwangsläufig der Ausgangspunkt. Wenn etwa eine 14-Jährige plötzlich von ihren Freundinnen ignoriert wird, denkt sich das Kind, ich muss etwas an mir ändern, um akzeptiert zu werden. Ein Weg, Aufmerksamkeit zu erhalten, stellt dann beispielsweise das Abnehmen dar. Allerdings nur kurzfristig, denn Magersucht führt letztendlich in die soziale Isolation", erläutert die bewegungsanalytische Therapeutin.

Die Ursachen können im Verlust einer zentralen Bezugsperson oder in Eltern-Kind-Konflikten liegen, durch die Pubertierende in ihrem Autonomiebestreben massiv eingeschränkt werden. Zudem sind Eigenschaften wie eine starke Impulskontrolle, der Hang zur Perfektion, übersteigerte Leistungsorientierung oder eine hohe Selbstdisziplin besonders häufig unter magersüchtigen Mädchen und Frauen zu finden. "Die Neigung zu Magersucht ist auch als Autonomiebestreben zu verstehen", sagt Haselberger, wobei der "Krankheitsgewinn" in der Macht über sich selbst und die Kontrolle über den eigenen Körper wahrgenommen wird.

"Verbote allein bewirken nicht viel"

Die Behandlung von Magersucht gilt als ausgesprochen schwierig. Je früher mit der Therapie begonnen wird, desto günstiger ist die Prognose. Experten raten zur multimodalen Behandlung, wobei es die Lösung schlechthin nicht gibt. Gabriele Haselberger empfiehlt eine Kombination aus psychotherapeutischen Ansätzen und medizinischer Betreuung: "Anorexie betrifft ja nicht nur die Psyche, sondern ist auch mit einer Reihe von körperlichen Schädigungen assoziiert." Konkret: Untergewicht (BMI weniger als 17,5 kg pro Quadratmeter), niedriger Blutdruck, das Ausbleiben der Menstruation (Amenorrhoen) bis hin zur Infertilität, strukturellen Veränderungen im Gehirn und erhöhtem Osteoporose-Risiko.

Seit April 2015 wird in Österreich über ein Verbot von Magermodels oder eine Kennzeichnungspflicht für bearbeitete Werbefotos – wie sie etwa in Frankreich und Israel beschlossen wurde – diskutiert. Derartige Maßnahmen hält Haselberger zwar für wünschenswert, allerdings "wird das allein nicht viel bewirken".

Ihrer Ansicht nach bringen Diskussionen darüber, ob und welche Schuld die Modebranche oder TV-Formate wie "Austria's Next Top-Model" trifft, nichts. "Wichtiger wäre es, die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen zu schulen, gängige Schönheitsideale zu hinterfragen und einen breiten öffentlichen Diskurs über die Vielfalt von Körperbildern zu entfachen." (Günther Brandstetter, 6.5.2015)

Hilfe für Betroffene:

Essstörungshotline: 0800/20 11 20 (anonym und kostenlos; Mo–Do 12–17 Uhr); E-Mail: hilfe@essstoerungshotline.at
Intakt – Therapiezentrum für Menschen mit Essstörungen
Sowaht – Beratungsstelle für Menschen mit Essstörungen
Zentrum für Essstörungen

Bild 1 von 7
foto: ivonne thein

Passend zum Internationalen Anti-Diät-Tag am 6. Mai, der 1992 von der britischen Buchautorin und Feministin Mary Evans Young ins Leben gerufen wurde, startet im Linzer Schlossmuseum die Ausstellung "Mythos Schönheit". Zu sehen ist auch ein Teil der Fotoserie "32 Kilo" der deutschen Fotografin Ivonne Thein.

weiter ›
Share if you care.