Germanwings-Copilot soll Absturz bereits auf Hinflug getestet haben

6. Mai 2015, 15:35
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Französischer Untersuchungsbericht: Andreas L. hatte den Airbus bereits auf dem Weg von Düsseldorf nach Barcelona auf Sinkflug gestellt

Wahnsinnstat, Selbstmord, Massenmord: Wie auch immer man die Tat einstufen will – es war Vorsatz. Das zeigt der 29-seitige Etappenbericht des Pariser Büros für Ermittlung und Analysen die Sicherheit der zivilen Luftfahrt" (BEA) in Le Bourget bei Paris. Demnach handelte Copilot Andreas L. nicht im Affekt oder aufgrund einer plötzlichen Eingebung, als er während des Germanwings-Fluges Barcelona-Düsseldorf die Cockpittür hinter dem ausgetretenen Bordkommandanten abriegelte und 144 Passagiere sowie fünf Besatzungsmitglieder mit sich in den Tod riss.

Das BEA bestätigt die meisten Vermutungen über den Hergang des Absturzes und liefert ein neues Element: Der Copilot hatte schon auf dem Hinflug von Düsseldorf nach Barcelona mehrfach vorübergehend einen Sinkflug eingeleitet, als der Kommandant das Cockpit kurz verlassen hatte.

Eingabe nach drei Sekunden korrigiert

Konkret befand sich der Airbus A320 während seines Hinfluges um 7.20 Uhr auf der Reisehöhe von 37 000 Fuß, als der Kapitän seinen Platz kurz verließ. Eine Minute später befolgte der Kopilot die handelsübliche Anweisung des Funkturmes von Bordeaux, auf 35 000 Fuß zu gehen. Kurz darauf gab L. aber plötzlich die minimale Flughöhe von 100 Fuß ein – dreißig Meter, das heißt tiefer als die lokale Bodenhöhe.

Diese Eingabe korrigierte L. nach nur drei Sekunden, um wieder die angeordnete Flughöhe einzugeben. Nur der Flugschreiber registrierte das Manöver; der Funkturm bemerkte davon gar nichts und gab vielmehr Weisung, den Flug fahrplangemäß auf 21 000 Fuß zu senken, um den Anflug auf Barcelona einzuleiten.

L. bestätigte auch diese Anweisung – drehte die Flughöhe des Autopiloten aber erneut auf 100 Fuß zurück. Als der Summer die Rückkehr des Kommandanten ankündigte, gab L. wieder die obligate Flughöhe ein. Rund eine halbe Stunde später landete die Maschine plangemäß in Barcelona.

Nachforschungen über Verriegeln der Tür

BEA-Direktor Rémi Judy erklärte am Mittwoch bei der Präsentation des Berichts zum Verhalten des Copiloten: "Man kann daraus schließen, dass er handlungsfähig war, und dass alle seine Handlungen darauf abzielten, das Flugzeug abstürzen zu lassen." Der Chefermittler ließ allerdings die Frage offen, ob L. auf dem Hinflug "geübt" hatte – oder ob er bereits einen Crash bewirken wollte, durch den ins Cockpit zurückkehrenden Kommandanten aber daran gehindert wurde.

Die Flugermittler gehen davon aus, dass L. den Absturz auf dem Hinflug erst geprobt hatte. Denn laut den Erkenntnissen an seinem deutschen Wohnort hatte der 27-jährige Copilot auf seinem eigenen Computer zuvor Nachforschungen über das Verriegeln der Cockpittür angestellt. Er hätte den Kommandanten also bereits ausschließen können – ja müssen, wenn er seine mörderische Absicht bereits in die Tat umsetzen wollte.

Zur Berufstauglichkeit des Copiloten präzisiert die BEA-Studie, das nötige Jahreszertifikat mit dem korrekten Vermerk "spezielle ärztliche Prüfung" sei bis August 2015 gültig gewesen. L., dessen psychische Probleme seit 2008 bekannt waren und seine Flugtauglichkeit bedrohten, habe über 919 Flugstunden verfügt. "Die Schulungsunterlagen des Kapitäns und des Copiloten zeigen, dass ihr professionelles Niveau überdurchschnittlich war", hält das BEA weiter fest.

Atmen bis zum Schluss hörbar

Zu den letzten Minuten des Todesfluges 4U9525 am 24. März von Barcelona nach Düsseldorf betätigt das BEA die bisherigen Annahmen. Der Copilot sperrte seinen Kollegen offensichtlich aus dem Cockpit aus und programmierte den Sinkflug so, dass er mit Höchstgeschwindigkeit am Alpenmassiv zerschellte. Die Auswertung der beiden Flugschreiber ergab, dass das Kontrollzentrum in Marseille elfmal auf drei verschiedenen Frequenzen versuchte, das Cockpit zu erreichen, ohne Antwort zu erhalten.

Unbeantwortet blieb laut BEA auch der dreifache Summeranruf des Piloten, die Tür zu öffnen. "Bis einige Sekunden vor dem Ende des Fluges" habe der Schreiber "das Geräusch von Atmen aufgezeichnet", schreibt das BEA. Auf dem Audiorekorder seien hingegen bis zum Schluss drei unterschiedliche und wiederkehrende Warnsignale zu hören. "Um 09:41:06 Uhr kollidierte das Flugzeug mit dem Gelände", hält der BEA-Report nüchtern fest. "Die Heftigkeit führte zum sofortigen Tod aller Flugzeuginsassen." (Stefan Brändle aus Paris, 6.5.2015)

  • Die stark beschädigten, aber brauchbaren Flugschreiber  konnten Hinweise auf das Verhalten des Germanwings-Copiloten  geben.
    foto: reuters/jean-paul pelissier

    Die stark beschädigten, aber brauchbaren Flugschreiber konnten Hinweise auf das Verhalten des Germanwings-Copiloten geben.

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