Religion ist friedlich, der Kimono griechisch

Kommentar der anderen5. Mai 2015, 17:15
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Der ORF lässt sich gern als Träger der Aufklärungsfackel feiern. Wenn es aber um Religion geht, reden dort Theologen mit Theologen. Beinahe wirkt es so, als wäre das Motto: Hände falten, Gosch'n halten

In dem Film "My Big Fat Greek Wedding" erklärt der Brautvater, Mr. Portokalos, seinem staunenden amerikanischen Schwiegersohn, dass sich jede beliebige Vokabel zivilisierter Errungenschaften aus dem Altgriechischen ableiten lasse. Nach einigen durchaus überzeugenden Beispielen versteigt er sich zuletzt sogar auf das Wort "Kimono". Und wer nicht weiß, dass es sich dabei um ein japanisches Kleidungsstück handelt, könnte den etymologischen Ausführungen des Hobbysprachwissenschafters durchaus Plausibilität abgewinnen.

Man fühlt sich an diese Filmsequenz erinnert, wenn einem die Theologen den Sozialstaat als genuine Erfindung des Christentums verkaufen möchten. Die Gelegenheiten, bei denen Kirchenvertreter im ORF die Segnungen ihrer Religion, ihre exklusive Friedensbotschaft und revolutionär anmutende Ethik anpreisen, sind sonder Zahl. Wir leben in einem katholischen Land.

Wirklich? Ein Drittel der Österreicherinnen und Österreicher ist ohne Bekenntnis, Tendenz steigend (10.000 bis 15.000 Kirchenaustritte pro Jahr). Wird also dem säkularen Element in unserer Gesellschaft auch Raum gegeben? Wenn man die religiösen Sendungen und göttlichen Kommentare im Radio den religionskritischen gegenüberstellt, eher nicht. Radio Maria, Radio Stephansdom und der staatliche Rundfunk blasen ins gleiche Horn.

Als beispielhaft für diese Wahrnehmung sei hier das "Radiokolleg" zum Thema Gewalt und Religion zuletzt im Kultursender Ö1 betrachtet: Weihrauch statt kritischer Analyse. Oder was werden wir wohl vorgesetzt bekommen, wenn Theologen die beiden Phänomene zusammen aufkochen? Ein ursächlicher Zusammenhang steht gar nicht zur Debatte. Es muss andere Gründe geben. Das Offensichtliche kann nicht sein, weil es nicht sein darf. Dabei haben die religiösen Basistexte neben der vielzitierten Nächstenliebhaberei eben auch Mord und Totschlag zu bieten: "Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen!" (Ex. 22, 17) Kein Wunder, würde da ein aufgeklärter Humanist sagen (so man ihn denn zu Wort kommen ließe), denn die Autorenschaft ist eher dem Allzumenschlichen zuschreiben als einer göttlichen Offenbarung. Doch der Gestalter der Sendung, Johannes Kaup, ist katholischer Theologe: Die Religion sei "nicht die Ursache von Gewalt, sondern eine Antwort auf sie".

Kein Gedanke daran, dass abrahamitische Religionen mit ihrem Absolutheitsanspruch einen äußerst problematischen Hebel zur Intoleranz ansetzen: "Denn ich, dein Herr, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen und an der dritten und vierten Generation."

Während sich das christliche Abendland erschüttert zeigt über den islamistischen Terror, schiebt man christlich motivierte Terrorakte dem finsteren Mittelalter und einer fernen Vergangenheit zu. Vergessen ist die Ustascha-Diktatur mit tatkräftiger Unterstützung der Kirche, und auch am Völkermord in Ruanda haben sich katholische Priester die Hände schmutzig gemacht. Doch Herr Kaup behauptet vollmundig, "die großen Verbrechen des 20. Jahrhunderts können nicht der Religion in die Schuhe geschoben werden".

Dabei sind sowohl der Nationalsozialismus als auch der Stalinismus ohne religiöse Attitüden und ohne spezifisch christliche Wurzeln – zum Beispiel der messianische Führerkult – gar nicht denkbar. "Gott mit uns!", stand auf der Gürtelschnalle des Wehrmachtssoldaten. Hitler selbst war zeitlebens Katholik. Die Judenhetze beginnt schon bei Paulus, steigert sich noch über die Kirchenväter und gipfelt in den klaren Anweisungen Luthers zum Pogrom, eins zu eins realisiert schließlich von den Nazis: "Erstlich dass man ihre Synagoga oder Schule mit Feuer anstecke ..."

Entschärft und ...

Wie kann es sein, so stellen sich Kaup und seine katholischen Interviewpartner die scheinheilige Frage, dass dem religiösen Kontext so viel Böses entspringt, wo doch die Religion an sich gut sei? Stillschweigend wird vorausgesetzt, was doch der eigentliche Untersuchungsgegenstand sein sollte. Karen Armstrong, Exklosterschwester und Expertin in Sachen "Religion und Gewalt" (ihr Buchtitel), mutmaßt hinter religiösen Auseinandersetzungen zumeist ökonomische Gründe. Der katholische Professor Jan-Heiner Tück gibt seinen muslimischen Kollegen den alles entlarvenden Tipp, die "missverständlichen" Textstellen des Koran "durch Auslegungspraktiken zu entschärfen".

Wir kennen die Auslegungspraktiken hinlänglich von der Bibelexegese. Aber die naive Frage sei gestattet, was eine jahrtausendealte Weisheitslehre heute noch für einen Wert hat, wenn man sie erst entschärfen, ihren Sinn verdrehen und in sein Gegenteil verkehren muss? "Der Westen muss auf seinen universellen Werten bestehen. Allerdings ist nicht der tolerante, aber kraftlose Liberalismus, sondern die säkulare Linke die einzige Kraft, die wir dem islamistischen Fundamentalismus entgegensetzen können", behauptet Slavoj Žižek. Kaup ist da anderer Meinung: Der Säkularismus provoziere den religiösen Fundamentalismus. Ein kindisches Sandkastenargument nach dem Motto: Die Atheisten haben aber angefangen. Ohne Säkularismus auch keine beleidigte Bigotterie. Was schlagen Hochwürden also vor? Händefalten, Gosch'n halten?

... schwammig und ...

Das Christentum ist ein dehnbarer Begriff. Zwischen gelegentlicher Folklore beim Abfeiern christlicher Feiertage und der Hardcorevariante des Opus Dei klaffen Welten. Liberale Theologen passen den Glaubensinhalt dem Zeitgeist an, orthodoxe Gottesmänner pfeifen drauf. So wird daraus eine schwammige Angelegenheit und eine unangreifbare obendrein. Mittels Selektion und Interpretation lässt sich aus den religiösen Urtexten dann alles und jedes herbeischwafeln. Die einen machen aus ihrer Mythologie ein Pfadfinderlager, die anderen ein Konzentrationslager. Das passiert, wenn sich der Absolutheitsanspruch mit der Beliebigkeit vermählt. Und das macht eine religiöse Ideologie gefährlich.

... abgedreht

Solange die selbstverliebten Ritter der "Liebesreligionen" die Belege dafür schuldig bleiben, dass der religiöse Mensch im Durchschnitt der liebenswertere ist, eine religiöse Gesellschaft gegenüber einer säkularen die friedfertigere, ist derlei "Volksbildung" nur für den Äther.

Die Religion ist gut. Der Kimono bleibt griechisch. Und der ORF trägt die Fackel der Aufklärung. Ich drehe das Radio ab. (Martin Praska, 6.5.2015)

Martin Praska (Jg. 1963) lebt und arbeitet als Künstler in Wien.

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