Lendwirbel-Festival: Das Woodstock von Graz

8. Mai 2015, 05:30
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Der Lendwirbel sprengt alle Besucherrekorde und bleibt trotz Massenauflaufs ein Fest der alternativen Szene

Graz – Ein älterer Mann ohne festes Zuhause schunkelt ein bisschen mit, dann wirft er seine Plastiksackerln hin und tanzt. Neben ihm tanzt eine Frau in traditioneller buddhistischer Kleidung, daneben zwei junge Mütter mit bunten Babytragen – vermutlich aus fairer Baumwolle –, alle strahlen. Auf der Bühne im Grazer Volksgarten spielt eine der Bands im "Schlagergarten Gloria", einer Veranstaltung rund um den Sänger Favela Gold alias Gregor Schenker, die wenig mit herkömmlichen Schlagern und viel mit einem ironischen Spiel mit Oldies zu tun hat.

Vor der Bühne breiten sich tausende Menschen auf Picknickdecken, um Tische und Bänke und um einen verhältnismäßig kleinen Bierstand aus. 4.500 sollen es allein bei den Konzerten im Volksgarten nach offiziellen Schätzungen am Samstag gewesen sein. Denn da begann zum achten Mal der sogenannte Lendwirbel in Lend und Gries, den ehemaligen Grazer Arbeiterbezirken, seit Jahren Kreativ- und Migrantenvierteln rund um Lend-, Mariahilfer- und Griesplatz.

Flohmarkt der Anrainer

Beim Annenstraßenflohmarkt, bei dem Anrainer fast bis hinauf zum Hauptbahnhof ihre Stände aufbauten, waren am selben Tag ebenfalls Tausende unterwegs. Noch bis 10. Mai dauert der Lendwirbel 2015.

Diesen "Event" Nichtgrazern, die ihn noch nicht besucht haben, zu erklären ist nicht ganz einfach. Hier geht es weder um Profit, noch ist es ein offizielles Stadtfest – und für ein Grätzelfest ist er mittlerweile viel zu groß.

Und vor allem: Gäste sind hier auch Gastgeber. Als um 22 Uhr Schauspieler und Moderator Michael Ostrowski auf der Bühne daran erinnert, dass jetzt alle aufräumen müssen, tun das auch wirklich alle. Am nächsten Tag, als man am "Markt der Möglichkeiten" im selben Park bei diversen Stationen lernen kann, wie man selbst ein Hochbett zimmert oder Plastikflaschenvasen bastelt, ist keine Spur vom Konzert des Vorabends, diesem "Grazer Woodstock", wie es der Nino aus Wien nennt, zu sehen.

"Wir sind kein Kuratorium"

"Wir haben schon ein bisserl schlucken müssen", sagt Franz Lammer, der Teil eines etwa zehnköpfigen Kernteams mit fluktuierender Besetzung ist, das den Wirbel immer wieder organisieren hilft. Hilft – denn eigentlich organisiert sich der Lendwirbel selbst. "Wir sind kein Kuratorium", betont Lammer, "unsere Hauptaufgabe besteht darin, dass wir uns um diverse Genehmigungen oder Straßensperren scheren, die meiste Zeit rennen wir zu Behörden."

Der Rest passiert aus dem Viertel heraus: Anrainer, Geschäftsleute – allein in der Mariahilferstraße boomen seit Jahren kleine Designgeschäfte, Werkstätten und Agenturen – und auch Künstler machen das Programm. Dabei darf nur Kunst und Performance auch von woanders kommen. Wie Fuzzman oder eben der Nino aus Wien am vergangenen Samstag.

Was als Eröffnungsfest vom alternativen Friseursalon Haarschneiderei vor ein paar Jahren begann, wuchs und wuchs und wurde zu einem Lehrbeispiel von Selbstermächtigung eines Viertels.

Der Lend-Effekt

Damals gab es ein paar Standeln, Musik, internationale Speisen und Nachbarn, die einander auf Bierbänken in den Gassen um den Friseur kennenlernten. Im nächsten Jahr organisierten ein paar Architekten, die ihre Büros im Viertel betreiben, ein Symposium. Heute gibt es acht Tage lang fast alles: zirkusartige Interventionen in jedem zweiten Hinterhof, Fahrradpolo-Turniere, Graffiti-Aktionen, Workshops, viel Musik und weiterhin auch Diskussionsrunden – immer unter freiem Himmel. Da fragt man sich etwa: "Was bleibt im Lendeffekt?"

"Wir bleiben immer selbstkritisch, wir wollen nicht, dass es in eine Halli-Galli-Zeltfeststimmung kippt", sagt Lammer, dessen Agentur Onomato hier eines der ersten – mittlerweile für den Lend typischen – "Schaufensterbüros" bezog, im Gespräch mit dem STANDARD, "obwohl ich sagen muss, selbst das Massenpublikum am Samstag war noch alternativ."

Diesen Freitag gibt es noch einmal an sieben Orten Musik. Ein Konzert wird von echten Anrainern sein: Die Männer von The Base spielen Nummern aus ihrem neuen Album "Where Is My Weather". (Colette M. Schmidt, 10. 5 .2015)

  • Der Nino aus Wien spielt für die Leute aus Graz im Volksgarten.
    foto: lupi spuma

    Der Nino aus Wien spielt für die Leute aus Graz im Volksgarten.

  • 4.500 kamen allein in den "Schlagergarten Gloria".
    foto: lupi spuma

    4.500 kamen allein in den "Schlagergarten Gloria".

  • Die Annenstraße, eine der längsten Straßen von Graz, mutierte zum kilometerlangen Anrainerflohmarkt.
    foto: lupi spuma

    Die Annenstraße, eine der längsten Straßen von Graz, mutierte zum kilometerlangen Anrainerflohmarkt.

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