Wenn Katastrophen Lösungen in den Schatten stellen

5. Mai 2015, 18:10
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Tagung in Wien zu Strategien für mehr Energieeffizienz und weniger Ressourcenverbrauch

Wien - Steht der aktuell niedrige Öl- und Gaspreis dem Umstieg auf erneuerbare Energien im Weg? Welcher Anteil der fossilen Ressourcen muss ungenützt bleiben, um das Zwei-Grad-Ziel als Maximum bei der Erderwärmung zu erreichen? - Derlei Fragen wurden bei der Tagung "Highlights der Energieforschung" letzte Woche in Wien thematisiert. Die Veranstaltung, die jährlich vom Verkehrsministerium organisiert wird, war heuer der Frage "Kann die Energierevolution gelingen?" gewidmet.

Hemmnisse für Effizienz

Trotz stagnierender Wirtschaftsleistung wächst der Energieverbrauch in Österreich stetig: Laut Statistik Austria war 2013 der energetische Endverbrauch in Österreich um 1,8 Prozent höher als im Vorjahr - insgesamt waren es 1119 Petajoule. Das BIP ist zwar nur gering, um etwa 0,2 Prozent, gewachsen, dennoch stieg der Energieverbrauch in der Industrie um 0,5 Prozent, in den privaten Haushalten gar um 0,9 Prozent. Dass der Verbrauch 2014 etwas rückläufig war, wird eher mit den höheren Temperaturen und damit geringerem Heizbedarf begründet als mit vermehrter Sparsamkeit.

Der Politikberater Georg Günsberg wies in seinem Vortrag darauf hin, dass die aktuell niedrigen Preise für fossile Energie ein potenzielles Hemmnis für Energieeffizienzmaßnahmen seien. Seit 2012 hat sich der Rohölpreis beinahe halbiert. Der Grund dafür sei weniger in politischen Verstrickungen zwischen Russland und den USA zu suchen, meinte Günsberg, sondern schlicht in einer nüchternen Analyse von Angebot und Nachfrage. Dabei zeigt sich auf Angebotsseite, dass die Ölproduktion in den USA stark angestiegen ist, während die Opec-Staaten auf stabilem Niveau produzieren. Bei der Nachfrage hat hingegen die Wirtschaftskrise zu einem Einbruch geführt - es ist daher mehr Öl auf dem Markt, als es Nachfrage gibt, und folglich stagnieren die Preise.

Politische Gegenmaßnahmen

Damit die niedrigen Preise für fossile den Einsatz von erneuerbarer Energie nicht unterbinden, forderte Günsberg politische Gegenmaßnahmen wie eine ökosoziale Steuerreform und einen angemessenen CO2-Preis. Laut einer Publikation der britischen Forscher Christophe McGlade und Paul Ekins, die kürzlich in Nature erschienen ist, müsste ein großer Teil der fossilen Ressourcen ungenützt bleiben, um die Klimaziele zu erreichen. "Wir dürfen nicht all unsere Reserven verbrennen, wenn wir das Zwei-Grad-Ziel erreichen wollen", sagte Günsberger. Dafür müssten 82 Prozent der vorhandenen Kohlereserven, 49 Prozent des Erdgases und 33 Prozent des Öls unangetastet bleiben.

"Wir haben nicht zu wenig Öl, wir haben zu viel", schloss sich Sigrid Stagl, Professorin an der Wirtschaftsuniversität Wien, an. Denn gäbe es jetzt schon kein Erdöl mehr, würde den Menschen wohl eine nachhaltigere Alternative einfallen. "Die Steigerung der Energieeffizienz ist ein wichtiger Schlüsselfaktor, aber sie allein wird nicht reichen."

Insgesamt gelte es, darüber nachzudenken, ob ein guter Lebensstandard und Wohlbefinden unbedingt mit Wirtschaftswachstum zu tun haben müssen, meinte die Ökonomin. "Wir müssen uns auch mit den Grenzen des Wachstums beschäftigen."

In Anlehnung an John Maynard Keynes' Begriff "Party of Catastrophe" sah Stagl einen wichtigen Grund dafür, warum die Energiewende im großen Stil ausbleibe, darin, dass in der Öffentlichkeit "untragbare Angst verbreitet wird, ohne Lösungen anzubieten". Apokalyptische Szenarien, was passiere, wenn Klimaziele nicht erreicht würden, stellen konkrete Lösungsansätze, mit denen der Einzelne zur Energiewende beitragen kann, in den Schatten. (trat, DER STANDARD, 6.5.2015)

  • Der niedrige Ölpreis birgt die Gefahr, eneuerbare Energie aus dem Fokus zu verlieren. Im Bild: ein Rapsfeld vor einer Erdölraffinerie.
    foto: apn / eckehard schulz

    Der niedrige Ölpreis birgt die Gefahr, eneuerbare Energie aus dem Fokus zu verlieren. Im Bild: ein Rapsfeld vor einer Erdölraffinerie.

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