Syrien: Neue Offensiven und alte Dialogforen

Analyse5. Mai 2015, 17:05
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Kämpfe im Südosten von Damaskus nach Verlusten für Regime in Idlib

Damaskus/Wien - Mit dem Frühjahr - nach einem ungewöhnlich harten Winter - nehmen in Syrien auch die militärischen Offensiven wieder an Fahrt auf, und Beobachter sehen erstmals seit langer Zeit das Assad-Regime zumindest teilweise in ernsthafter Bedrängnis. Das gilt auf alle Fälle für die Provinz Idlib im Nordwesten, wo die Regierungstruppen bereits im April die Städte Idlib und Jisr al-Shughur verloren - und damit wichtige strategische Eckpunkte, von denen aus Territorium zurückgewonnen werden sollte. Wenn dieser Trend weitergeht, könnte das Assad-kontrollierte Gebiet weiter auf Damaskus und auf die Küstenregion schrumpfen.

Es gibt aber auch noch andere Brennpunkte. In den Qalamun-Bergen an der libanesischen Grenze steht eine Offensive von Hisbollah und syrischer Armee gegen Islamisten bevor, die wegen der Rolle der libanesischen Schiitenmiliz auch Auswirkungen im Libanon haben könnte. Und seit drei Tagen läuft ein Angriff der Regimetruppen im Süden und Osten von Damaskus. Diese Kampfhandlungen werden begleitet von verstärktem Terrorismus in der syrischen Hauptstadt. So soll am Wochenbeginn ein Selbstmordattentäter im Viertel Rukn al-Din, wo viele Angehörige der syrischen Sicherheitskräfte wohnen, einen General attackiert haben. Saudi-arabische Medien meldeten, dass das syrische Regime "Top-Familien" besonders im Stadtteil Mezzeh - wo auch eine Luftwaffenbasis (und die österreichische Botschaft) liegt - aufgefordert habe, sich in Sicherheit zu bringen. Bestätigt ist das nicht.

In Genf startete am Dienstag der Uno-Sondergesandte für Syrien, Staffan de Mistura, einen neuen Versuch, eine Gesprächsschiene zwischen Opposition, Regime und Regionalmächten einzurichten. Große Chancen werden ihm dabei nicht gegeben, die Bezeichnung "Genf III" - nach Genf I im Juni 2012 und Genf II im Jänner/Februar 2014 - wäre einstweilen zu hoch gegriffen.

Genf, Moskau, Kairo, Riad ...

Ein anderer Dialogversuch - der von einem Großteil der Opposition jedoch boykottiert wurde - ging Mitte April im Assad-verbündeten Moskau ergebnislos zu Ende. Auch Kairo bleibt Gastgeben der Opposition, dort jedoch fühlen sich die syrischen Muslimbrüder ausgeschlossen, denn die will Präsident Abdulfattah al-Sisi nicht fördern. Zuletzt bringt sich auch Riad als Gesprächsort - natürlich ohne syrische Regimebeteiligung - ins Spiel. Mit den stärksten gegen Assad kämpfenden Kräften am Boden, dem "Islamischen Staat" und der zu Al-Kaida gehörenden Nusra-Front, redet ohnehin niemand.

Während also die politische Situation weiter feststeckt, könnten in die militärischen Fronten wieder Bewegung geraten, wobei kaum jemand annimmt, dass dies einen schnellen Fall des Regimes zur Folge haben wird. Aber Beobachter wie Jennifer Cafarella vom Institute for the Study of War bescheinigen die bessere Koordination von Anti-Assad-Kräften, die nach den Kämpfen in der Provinz Idlib auch woanders in Syrien zum Tragen kommen könnte.

Für die Kämpfe in der Provinz Idlib wurde ein neuer "Operationsraum" gegründet, in dem die unterschiedlichen Rebellengruppen zusammenarbeiten, ohne organisatorisch zusammenzugehen: Jaish al-Fath (Eroberungsheer). Dazu musste die erfolgreiche Nusra-Front ihre Operationsweise aufgeben, andere Organisationen zu schlucken. Nun lässt sie den anderen ihre Eigenständigkeit - ist aber die stärkste Kraft im Hintergrund. Das dürfte die internationale Befriedigung über die Verluste der Assad-Armee einigermaßen schmälern: Immerhin wird hier eine Al-Kaida-affiliierte Organisation stärker.

Die Nusra-Front profitiert auch von den Angriffen der US-geführten Koalition auf ihren Hauptrivalen, den "Islamischen Staat". Die anderen Rebellengruppen können zuletzt auf bessere Unterstützung aus dem Ausland zählen: Dass Saudi-Arabien und die Türkei ihre Konkurrenz in Syrien nun besser im Griff haben, kommt den Rebellen zugute. (Gudrun Harrer, 5.5.2015)

  • Neuer Anlauf in Genf: Uno-Emissär Staffan de Mistura.
    foto: epa/jean-christophe bott

    Neuer Anlauf in Genf: Uno-Emissär Staffan de Mistura.

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