Miniserie "P'tit Quinquin": Die Bestie Mensch wohnt nebenan

6. Mai 2015, 05:30
11 Postings

Eine wüste Mordserie und ein Kommissar, der keinen Durchblick hat: In Bruno Dumonts exzentrischer Miniserie entpuppt sich ein nordfranzösisches Dorf als Brutstätte des Bösen

Wien - Die Region Nord-Pas-de-Calais, die im nordöstlichsten Eck von Frankreich, an der Grenze zu Belgien, liegt, ist Kinobesuchern vor allem aus Dany Boons Millionenhit Willkommen bei den Sch'tis vertraut. Die strukturschwache Gegend mit hoher Arbeitslosenrate und ähnlich gelagerter Alkoholikerdichte wurde in der Komödie aus den Augen eines strafversetzten Postlers gewissermaßen für das Restland entdeckt. Die Sch'tis sind seitdem Populärgut, nicht nur in der Grande Nation.

Bruno Dumonts für den TV-Sender Arte produzierte Miniserie P'tit Quinquin, die nun auch als Zweiteiler regulär ins Kino gelangt, spielt in Boulogne-sur-Mer in ebendieser Region. An Boons Sch'tis erinnert darin nicht viel, bis auf jenen Moment, in dem ein Bub in einer Art Spider-Man-Kostüm wiederholt gegen die Wand läuft und sich dabei als "Supersch'tis" bezeichnet. Eines von vielen Indizien, dass die Landbevölkerung bei Dumont wieder auf das kulturelle Stereotyp zurückgestuft wird: Rückständig, begriffsstutzig, ausländerfeindlich, quasi-inzestuös sind diese verschlossenen Menschen.

Dumonts Miniserie gehörte zu den filmischen Ereignissen des Vorjahres. Nach der Premiere bei der Quinzaine des réalisateurs in Cannes verbreitete sich rasch die Rede davon, dass dem für seine ungeschönten existenziellen Dramen bekannten Regisseur (L'Humanité, Hadewijch) mit dem Sprung zum Qualitätsfernsehen ein Befreiungsschlag gelungen sei. Der spröde Charme seiner oft mit Laiendarstellern besetzten Filme, die ihre naturalistischen Milieus gern zum Metaphysischen hin öffnen, blieb erhalten, durchmischt sich aber nun mit einer irritierenden Komik. Diese erhebt sich nicht über die Figuren, sondern nimmt ihre Kauzigkeit großzügig in Kauf. Dem kleinen Quinquin, einem klassischen Rotzlöffel, verleihen etwa schon seine Lippenspalte und ein Hörgerät etwas Verwegenes. Doch so grob er sich auch in seiner Bande gebärdet, ist er doch auch für aufrichtige Liebe empfänglich. Die gleichaltrige Eve trägt er auf Händen.

Solche Widersprüche sind charakteristisch für Dumont. Er sieht in den Menschen zwar zuallererst das Sozialwesen, entdeckt dann aber auch Seiten in ihnen, die wie Irrläufer wirken. Das Mysterium von P'tit Quinquin bleibt allerdings opak: eine aberwitzige Mordserie, die nicht leicht zu entzif- fern ist. Es beginnt mit einer toten Kuh, in deren Magen die Überreste eines Menschen gefunden werden. Die weiteren Leichen des Dorfes sind nicht weniger spektakulär. Die Tatorte, Jauchegruben und Schweineställe, lassen einen Täter mit sarkastischer Note vermuten.

Zuckung als Spezialeffekt

Oberflächlich ein "policier", ein Polizeidrama, geht es in den insgesamt 200 Minuten der Serie jedoch nur am Rande um die Auflösung des Falles. Das liegt auch an den herrlich verschrobenen Kommissaren Van der Weyden (Bernard Pruvost) und Carpentier (Philippe Jore), die den Einblick in das Naheliegende bereits für einen messerscharfen Schluss halten und sich oft in kleineren Rangeleien verlieren. Schon Van der Weydens unkontrollierte Gesichtszuckungen sind ein unübertreffbarer Spezialeffekt, der Ablenkung von dem schafft, was man einen geordneten Plot nennt.

Er ist damit der perfekte Held für eine Serie, die gängige Erzählelemente nur wie ein Skelett braucht, um sich einer grotesken Gemeinschaft anzunähern - ein Prinzip, das schon David Lynchs Twin Peaks ausgezeichnet hat. Jede Figur wird von Dumont wie ein Unikat mit exzentrischen Ausformungen behandelt. Die sozialen Rituale der Dorfgemeinschaft, sei es ein Trauergottesdienst oder Gedenkfeierlichkeiten für Veteranen des Zweiten Weltkriegs, geraten zu bizarren Abfolgen, die mit dem Begriff Parodie nur sehr ungenau gefasst sind.

Denn Dumont gibt bei aller komischen Überzeichnung die Realität nie ganz aus der Hand: Dass hinter den sonderbaren Geschehnissen von Boulogne, die irgendwann sogar dem Teufel höchstpersönlich zugeschrieben werden, doch ein Weltgeist wirkt, das ist das wirklich Unheimliche dieser höchst ungewöhnlichen Serie. (Dominik Kamalzadeh, 6.5.2015)

Ab 8.5. im Kino

  • Ein Kommissar, der sich in Nebensächlichkeiten verliert: Van der Weyden (Bernard Pruvost) glaubt in Bruno Dumonts "P'tit Quinquin" es mit dem Teufel höchstselbst zu tun zu haben.
    foto: stadtkino

    Ein Kommissar, der sich in Nebensächlichkeiten verliert: Van der Weyden (Bernard Pruvost) glaubt in Bruno Dumonts "P'tit Quinquin" es mit dem Teufel höchstselbst zu tun zu haben.

Share if you care.