Die Walverwandtschaften

11. Mai 2015, 05:30
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Eine Langzeitstudie in karibischen Gewässern bietet neue Einblicke in das verblüffend komplexe Sozialverhalten von Pottwalen

St. Andrews - Die Küstengewässer der Karibikinsel Dominica sind fürwahr ein angenehmes Domizil. Das Wasser ist über 25 °C warm, und auf der Westseite ist man auch vor starken Ozeanwinden geschützt. Fast paradiesische Zustände. Doch einige der hier ansässigen Meeresbewohner müssen zum Fressen täglich in die eisigen Tiefen am Inselsockel hinabsteigen. Eine schier unvorstellbare Leistung.

Dort, mehr als 1000 Meter unter der Oberfläche, liegen die Temperaturen nur wenige Grad über dem Gefrierpunkt. Es herrschen ein gewaltiger Wasserdruck und – selbstverständlich – totale Finsternis. Für die Spezies Physeter macrocephalus kein Problem. Die allgemein unter dem Namen Pottwal bekannten Giganten orten ihre Beute mittels einer Art Echolot. Tiefseekalmare sind ihre Leibspeise.

Pottwale kommen in praktisch allen Weltmeeren vor, man findet sie sowohl in den Polarregionen wie auch in tropischen Gefilden. Viele von ihnen gehen regelmäßig auf Wanderschaft und legen dabei Distanzen von mehreren Hundert bis einigen Tausend Kilometern zurück. Vor Dominica jedoch sind die Tiere das ganze Jahr über präsent – ein Glücksfall für Wissenschafter. Aufgrund ihrer normalerweise ozeanischen Lebensweise lassen sich Pottwale nur schwer erforschen, betont der Meeresbiologe Jonathan Gordon. "Sie sind eine echte Herausforderung."

Als Meeressäuger-Experte von der schottischen University of St. Andrews ist Gordon einer der Autoren einer aktuellen Studie über das Sozialverhalten von Physeter macrocephalus. Sie basiert auf sechsjährigen intensiven Beobachtungen von insgesamt neun dominicanischen Pottwal-Trupps.

Buchführung über sämtliche Pottwal-Kontakte

Solche Kleinverbände von jeweils weniger als einem Dutzend Tieren bestehen aus einigen erwachsenen Weibchen und deren Nachwuchs. Männchen schauen nur gelegentlich vorbei. Sie leben überwiegend als herumziehende Einzelgänger. Vagabunden der Ozeane. Die Forscher des "Dominican Sperm Whale Project" fahren regelmäßig mit ihren Booten heraus und führen genau Buch über sämtliche Pottwal-Kontakte.

Einzelne Exemplare lassen sich anhand ihrer Fluken identifizieren. Die Schwanzflossen tragen typische, unverwechselbare Narbenmuster – womöglich das Ergebnis von Hai- und Schwertwal-Bissen. Inzwischen sind die allermeisten Pottwale der dominicanischen Population individuell erfasst. Das ermöglicht detaillierte Verhaltensuntersuchungen.

Jonathan Gordon und seine Kollegen unterzogen die im Zeitraum von 2005 bis 2010 gesammelten Beobachtungsdaten einer statistischen Analyse. Ihr Hauptaugenmerk galt dabei Sozialkontakten zwischen Angehörigen verschiedener Trupps. In der Regel bestehen die kleinen Gruppen aus Tieren, die meist über die mütterliche Linie miteinander verwandt sind. Mehrgenerationen-Familienverbände sozusagen. Innerhalb einer solchen Einheit gibt es offenbar unterschiedlich stark ausgeprägte Beziehungen. Doch die Biologen wollten auch wissen, ob die Kernfamilien untereinander Kontakte pflegen.

Genetische Analysen

Die Auswertungen zeigen ein erstaunlich komplexes Beziehungsgeflecht. Während zwei der untersuchten Trupps anscheinend gar keine Bindungen zu benachbarten Verbänden unterhalten, tun sich andere regelmäßig zu größeren Gruppen zusammen – so, als wären hier langjährige Freundschaften entstanden (siehe Animal Behaviour, Bd. 102, S. 15).

Wann immer zwei oder mehr Pottwale in einer Entfernung von weniger als 40 Metern Zeit miteinander verbrachten, definierten die Wissenschafter dies als direkten Kontakt. Oft reiben sich die Tiere aneinander, berichtet Gordon. Ein solches Verhalten hilft ihnen vermutlich, abgestorbene Hautfetzen loszuwerden. "Die kann man dann vom Boot aus einsammeln und für DNA-Tests verwenden." Genetische Analysen sollen klären, inwiefern die Mitglieder von oft gemeinsam auftretenden Trupps miteinander verwandt sind.

Ein Vergleich mit früheren Beobachtungsdaten aus den Neunzigern indes zeigt, dass die Beziehungen tatsächlich über Jahrzehnte aufrechterhalten werden. Schon damals wurden zum Beispiel Angehörige der Gruppen U und F regelmäßig zusammen gesichtet.

Ein ganz wesentlicher Aspekt des Sozialverhaltens zwischen einzelnen Pottwal-Weibchen und deren Familienverbänden scheint die gemeinsame Nachwuchsbetreuung zu sein. Die Muttertiere müssen schließlich mehrmals am Tag in der Tiefsee auf die Jagd gehen. Ein einzelner Tauchgang kann 45 Minuten bis eine Stunde dauern. Ihre Kälber bleiben währenddessen an der Oberfläche zurück. "Dort erscheinen sie sehr verletzlich", erzählt Gordon. Vor allem für Schwertwale wäre ein einzelnes Pottwal-Baby eine leichte Beute.

Komplexes Sozialverhalten

Aber die Kleinen bleiben nicht allein. Oma, Tante oder auch eine gute Freundin der Mutter passt auf. Vor Dominica konnten Gordon und seine Kollegen unter anderem beobachten, wie "Enigma" und "Tweak", zwei Kälber der Gruppe F, des Öfteren von Weibchen des U-Verbandes betreut wurden. Die Fürsorge könnte somit über Gruppengrenzen hinweg reichen. Möglicherweise stillen Pottwal-Mütter auch gegenseitig ihre Jungen, sagt Gordon. Eindeutig belegt sei dies allerdings noch nicht.

Das komplexe Sozialverhalten von Physeter macrocephalus wirft aus wissenschaftlicher Sicht noch eine ganz andere Frage auf: Wie erkennen sich die Tiere untereinander als Individuen? Wahrscheinlich sind Schallsignale der Schlüssel, meint Gordon. Pottwale verfügen über ein großes Repertoire an Klicklauten und anderen Tonsequenzen. "Sie können einander über zig Seemeilen Entfernung hören."

Die Vokalisierungen weisen regionale Unterschiede auf. Es haben sich Dialekte gebildet – auch innerhalb der verschiedenen Clans, die im Pazifik sogar mehrere Tausend Exemplare umfassen können (siehe unter anderen Proceedings of the Royal Society B, Bd. 270, S. 225). Einzelne Pottwale lassen sich ebenfalls anhand akustischer Merkmale identifizieren, sagt Gordon. "Ihre Codas variieren im Rhythmus der Klicks." Wie eine eigene Stimme eben. (Kurt de Swaaf, 6.5.2015)

  • Ein Pottwal kommt selten allein: In einer aktuellen Studie hat der schottische Meeressäuger-Experte Jonathan Gordon die komplexen Freundschafts- und Verwandtschaftsgeflechte von Pottwalen erforscht. In der jahrelangen Beobachtung zeigten sich sehr stark unterschiedlich ausgeprägte Beziehungen. So manche Walbeziehung scheint über mehrere Jahre oder gar Jahrzehnte zu bestehen.
    foto: picturedesk.com / science photo library / c. swann

    Ein Pottwal kommt selten allein: In einer aktuellen Studie hat der schottische Meeressäuger-Experte Jonathan Gordon die komplexen Freundschafts- und Verwandtschaftsgeflechte von Pottwalen erforscht. In der jahrelangen Beobachtung zeigten sich sehr stark unterschiedlich ausgeprägte Beziehungen. So manche Walbeziehung scheint über mehrere Jahre oder gar Jahrzehnte zu bestehen.

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