Newspaper Congress: "Konstruktive News" statt "verzerrter Bilder"

5. Mai 2015, 15:30
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DR-Nachrichtenchef Haagerup plädierte in Wien für Umdenken und lösungsorientierten Journalismus - Erste NZZ.at-Bilanz drei Monate nach Start

Wien - Politische Streitereien, Verbrechen, Tragödien - das bekam Ulrik Haagerup, Nachrichtenchef des dänischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks DR, zu lesen, als er dieser Tage österreichische Zeitungen aufschlug. "Österreich ist offenbar ein gefährliches Land", meinte Haagerup am Dienstag beim European Newspaper Congress, wo er sein Konzept der "Constructive News" präsentierte.

"Warum so negativ?" lautet Haagerups Kernfrage an die Medien. Der Chefredakteur plädiert für mehr konstruktive und lösungsorientierte Nachrichten. "Konstruktiver Journalismus kann helfen, verlorenes Vertrauen in die Medien wieder aufzubauen", sagte Haagerup, der mit seinen inzwischen auch in Buchform vorliegenden Thesen stark nachgefragter Gast bei Medientagungen und Redaktionsseminaren ist.

"Auch ich wollte Journalist werden, weil ich Präsidenten stürzen wollte. Auch ich bin ein kritischer Journalist und nicht nur positiv gestimmt. Aber es gibt immer mehrere Sichtweisen", so Haagerup. Medien brächten heute aber vor allem negative Berichterstattung: Blutvergießen, Krieg, Räubergeschichten. "Wir betreiben alle Panikmache. Die Medien sind überwiegend destruktiv, und das desillusioniert die Menschen. Die Menschen trauen uns einfach nicht mehr." Medienverdrossenheit und Politikverdrossenheit seien eine Folge dieser Entwicklung.

Sicherheit und Kriminalität

"Wir präsentieren falsche und verzerrte Bilder", so Haagerup. Als Beispiel nannte er das Thema Sicherheit. Die Kriminalität sei in Dänemark in den vergangenen Jahren stark gesunken, trotzdem fühlten sich die Dänen heute weniger sicher als vor zehn Jahren. "Oder denken Sie an Afrika: Kriege, Hungersnöte, Ebola oder Aids stehen dort im Fokus der Berichterstattung. Dass das Bruttonationalprodukt in Ruanda zuletzt stärker gestiegen ist als in China, ist hingegen den wenigsten Medien eine Meldung wert. Es gibt dort auch positive Nachrichten", gab Haagerup zu bedenken. Nicht nur Boulevardmedien würden diese Form des Journalismus übrigens betreiben, sondern auch seriöse TV-Anstalten und Zeitungen.

Haagerup fordert deshalb ein Umdenken: "Wir berichten über das Haar in der Suppe, aber berichten nicht über die Suppe selbst. Die Menschen brauchen auch Lösungen und nicht nur Probleme." Beim Dänischen Rundfunk setze man deshalb seit einiger Zeit verstärkt auch auf positive Berichterstattung. "Konstruktiver Journalismus ist eine neue Denkweise, und konstruktive Nachrichten können die Lösungen von Morgen aufzeigen", so Haagerup. Das Publikum würde diese Herangehensweise goutieren. "Unsere Hauptnachrichten sind heute die reichweitenstärksten Nachrichten des Landes. Das war nicht immer so. Die positive Stimmung uns gegenüber ist in den vergangenen zwei Jahren um sechs Prozent gestiegen", berichtete der DR-Chefredakteur.

Fleischhacker bilanziert nzz.at

Eine erste Zwischenbilanz zum Start des Online-Portals NZZ.at vor gut drei Monaten zog beim Newspaper Congress NZZ.at-Chefredakteur Michael Fleischhacker. "Wir sind noch nicht bei 100.000 verkauften Abos, aber wir haben den Eindruck, dass das Geschäftsmodell passt", sagte Fleischhacker, der keine konkreten Abo- und Zugriffszahlen nannte. "Wir hatten in der Anfangsphase einige technische Schwierigkeiten. Die Zahl an Usern und Abonnenten bestärkt mich aber positiv. Das sollte in zwei bis drei Jahren dazu führen, dass sich das Produkt selbst trägt."

Auch einige Überraschungen gab es laut Fleischhacker für das nach den Vorbildern "Quartz", "The Correspondent", "Vox" und "Medium" konzipierte Online-Angebot, das der Schweizer Mediengruppe "Neue Zürcher Zeitung" als Labor für mögliche Expansionsschritte am deutschsprachigen Markt dient. "Ich habe nicht gedacht, dass Technologie so viele Probleme machen kann", meinte Fleischhacker im Hinblick auf die Startschwierigkeiten. "Und ich bin überrascht, wie viele User doch die Nachrichten nutzen." NZZ.at ist in die drei Bereiche "Phänomene" mit großen hintergründigen Storys, den Meinungsteil "Club" und die knapp formulierten "Nachrichten" aufgeteilt. Etwas mehr als die Hälfte der User nutzen die "Phänomene", der Rest verteilt sich zu gleichen Teilen auf den "Club" und die "Nachrichten", erzählte Fleischhacker.

Optimierungsbedarf sieht der NZZ.at-Chefredakteur noch beim interaktiven Dialog zwischen Redaktion und Lesern. Seit kurzem verschickt die Redaktion auch einen tägliche Newsletter. Die tägliche Herausforderung, journalistisch nachzuweisen, warum es etwas bringt, NZZ.at für 14 Euro monatlich zu abonnieren, nannte Fleischhacker "brutal - am Ende hoffe ich nicht, dass wir spektakulär abstürzen werden, sondern überleben." (APA, 5.5.2015)

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