Presserat: Suizid-Konsens der Medien gerät ins Wanken

5. Mai 2015, 13:45
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Boulevardblätter verstoßen gegen Vereinbarung, über Suizide zurückhaltend zu berichten

Kitzbühel - Auf den Presserat kommt immer mehr Arbeit zu: Die Zahl der Fälle, die das medienethische Selbstkontroll-Gremium der österreichischen Presse zu bearbeiten hat, ist zuletzt stark angestiegen. Das berichtete Geschäftsführer Alexander Warzilek bei der Richterwoche 2015 in Kitzbühel. 2013 hatte der Ethikrat 155 Fälle zu bearbeiten, 2014 waren es schon 238 Fälle. Davon wurden 35 Fälle als Verstöße gegen den Ehrenkodex eingestuft – 27 davon betrafen die "Kronen Zeitung" (16) und die Tageszeitung "Österreich" (11).

Bemerkenswert sei vor allem der veränderte Zugang mit Suizid: In den Achtzigerjahren waren mehrere Medienhäuser übereingekommen, über Suizide zurückhaltend zu berichten. Später wurde eine dahingehende Bestimmung auch in den Ehrenkodex des Presserats aufgenommen. Das Boulevard-Trio "Krone", "Österreich" und "Heute" ist nicht Mitglied des Presserats.

Der Konsens sollte ein Beitrag zur Suizidprävention sein: Immer wieder hatte sich gezeigt, dass es nach Medienberichten über Suizide zur einer Häufung von Selbsttötungen kommt. Um solche Nachahmungstaten zu vermeiden, erreichten Medien die Übereinkunft.

"Boulevardisierung"

"Dieses Agreement scheint gefallen zu sein", so Warzilek, die Verstöße häuften sich. Der Fall des Germanwings-Absturzes sei nur ein Beispiel von mehreren.

Den Grund sieht Warzilek in einer "verstärkten Boulevardisierung der Medien vor allem in Wien". Die Tageszeitung "Österreich" steche als Vorreiterin in dieser "bedauerlichen Entwicklung" hervor, "'Heute' und die 'Kronen Zeitung' scheinen nachziehen zu müssen".

Wobei Andreas Koller, stellvertretender Chefredakteur der "Salzburger Nachrichten", zu bedenken gibt: Nicht nur über Medienethik sollte die Gesellschaft nachdenken, sondern auch über "Leserethik" – schließlich handle es sich bei den Medien, die besonders häufig gegen den Ehrenkodex verstoßen, auch um die am stärksten nachgefragten Blätter. (sterk, derStandard.at, 5.5.2015)

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