Auch Rache gegen Unbeteiligte kann Genugtuung verschaffen

5. Mai 2015, 13:17
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Der Stellvertreter und der ursprüngliche "Täter" müssen dafür jedoch einer gemeinsamen Gruppe angehören

Wenn sich jemand für erlittenes Unrecht an unbeteiligten Personen rächt, dann sprechen Psychologen von "verschobener Rache". Wissenschafter von der Universität Marburg haben nun nachgewiesen, dass eine derartige Stellvertreter-Rache durchaus "süß" sein kann – allerdings nur, wenn die Person, die einem das Unrecht zugefügt hat, und der ursprüngliche "Täter" einer gemeinsamen Gruppe angehören.

Schon frühere Forschungen erbrachten, dass die Wahrscheinlichkeit einer solchen Tat steigt, wenn der ursprüngliche Täter und die unbeteiligte Person, an der die Rache verübt wird, aus einer gemeinsamen Gruppe stammen und die Gruppenmitglieder als einander ähnlich wahrgenommen werden. Unbekannt war jedoch, ob es sich bei der "verschobenen Rache" um ein zielorientiertes Verhalten handelt. "Bislang wussten wir nicht, ob die Rächer ihre Tat hinterher bereuen oder ob verschobene Rache nicht sogar befriedigend sein kann", sagt der Marburger Sozialpsychologe Mario Gollwitzer.

In der ersten Online-Studie sollten 169 Probanden im Alter von 18 bis 56 Jahren eine Geschichte lesen und sich in den Protagonisten hineinversetzen: Der Protagonist wird von einer anderen Person ungerecht behandelt und rächt sich danach – entweder am Übeltäter selbst oder an einem unbeteiligten Stellvertreter. Zusätzlich erfahren die Probanden, dass die Gruppe, der beide (Übeltäter und Stellvertreter) angehören, entweder sehr eng zusammengehört oder nur lose verbunden ist.

In der zweiten Online-Studie sollten sich die 89 Probanden im Alter von 19 bis 36 Jahren an eine Situation erinnern, in der sie selbst Opfer eines Unrechts waren, sich aber nicht gerächt hatten. Anschließend sollten sie sich vorstellen, sie würden sich nun doch rächen, und zwar wiederum entweder am Übeltäter selbst oder an einem Stellvertreter. Wieder gehörten beide, Übeltäter und Stellvertreter, der gleichen Gruppe an, die entweder eng oder nur locker verbunden war.

"Verschobene Rache" befriedigt...

Die Ergebnisse beider Studien zeigen, dass die Probanden nach direkter Rache am Übeltäter zufriedener waren und weniger Schuldgefühle hatten als nach "verschobener Rache" am Stellvertreter. Die Zufriedenheit nach "verschobener Rache" war jedoch dann hoch, wenn der Stellvertreter und der Täter einer engen gemeinsamen Gruppe angehörten. Die Zufriedenheit war hingegen deutlich niedriger, wenn die "verschobene Rache" an einer Person geübt wurde, die weniger eng mit dem Täter verbunden war.

Eine weitere Studie unter Laborbedingungen mit 72 Teilnehmern im Alter von 18 bis 30 Jahren zeigte: Personen fühlen sich nach "verschobener Rache" besonders befriedigt, wenn der ursprüngliche Übeltäter und die Person, die ihre Rache abbekommen hat, sich sowohl äußerlich als auch in ihrem Verhalten sehr ähnlich sind.

... und ist zielorientiert

Insgesamt erweist sich "verschobene Rache" daher nicht einfach als ein irrationaler Impuls oder als willkürliches Ausleben der eigenen Frustration an irgendeiner anderen Person. "Sie stellt vielmehr eine zielorientierte Handlung dar, die unter der Bedingung, dass der Täter und die Zielperson der Rache aus einer eng zusammengehörigen Gruppe stammen, dem Rächer Genugtuung verschaffen kann. Auch 'verschobene Rache' kann also in der Tat 'süß' sein", sagt Arne Sjöström, der an der Studie beteiligt war. "Möglicherweise hält man aufgrund einer hohen Ähnlichkeit mit dem Täter auch die Zielperson für schuldig an dem Ereignis, das den Rachewunsch ausgelöst hat" erläutert Mario Gollwitzer. (red, derStandard.at, 5.5.2015)

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