"Daran war überhaupt nicht zu denken"

Interview5. Mai 2015, 12:26
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Nur zwei Monate nachdem ihm eine Niere entfernt werden musste, stand Philipp Hosiner wieder auf dem Platz. Er verlor mit der zweiten Elf von Rennes. Und war der glücklichste Mann auf dem Feld. Ein Gespräch über Zorn, Optimimus und Gänsehaut

Wien / Rennes - Der Burgenländer Philipp Hosiner stand im Jänner 2015 kurz vor einem Transfer zum 1. FC Köln, als bei einer Routine-Untersuchung ein zwei Kilogramm schwerer Tumor an einer Niere entdeckt wurde. Das Organ wurde entfernt, erleichtert greift der Burgenländer wieder voll an.

STANDARD: Sie haben am Wochenende mit der zweiten Mannschaft von Stade Rennais verloren. Verärgert?

Hosiner: Nach dem Match waren viele Spieler enttäuscht. Ich war zufrieden, einfach glücklich, auf dem Platz zu stehen. Bitte nicht falsch verstehen, ich habe noch diesen Siegeswillen, aber meine Sicht auf das Leben hat sich verändert.

STANDARD: Hat der Sport nicht mehr denselben Stellenwert?

Hosiner: Der Fußball war schon vor meiner Erkrankung nicht das allerwichtigste. Aber Familie und Gesundheit bedeuten mir jetzt noch mehr. Wenn im Training etwas nicht gelingt, werde ich nicht mehr zornig.

STANDARD: Trotzdem haben Sie hart an ihrem Comeback gearbeitet.

Hosiner: Ich habe wie ein Verrückter trainiert. Härter denn je. Bis ich dann wieder auf dem Platz gestanden bin. Es gab keine Rückschläge, keine Schwellung, keine Schmerzen.

STANDARD: War diese Rückkehr das große Ziel?

Hosiner: Nein, vor der Operation war daran überhaupt nicht zu denken. Mein erstes Ziel war es, wieder gesund zu werden. Dann Fußball spielen, dann Leistungssport. Kein Arzt hat gesagt, dass ich in zwei Monaten wieder ein Match bestreiten könnte.

STANDARD: Warum eigentlich nicht?

Hosiner: Weil es keine Erfahrungswerte mit einer solchen Erkrankung im Leistungssport gibt. Man schneidet den Bauch auf, die Narbe ist 30 Zentimeter lang, es sieht brutal aus. Hält das alles nach einer kurzen Pause dem Leistungssport stand?

STANDARD: Tut es das?

Hosiner: Das ist auch eine individuelle Frage. Bei mir sieht es danach aus. Nach einem Monat konnte ich wieder trainieren, Pässe, Schussübungen. Mit einem kaputten Kreuzband wäre das undenkbar.

STANDARD: Sind Sie immer Optimist geblieben?

Hosiner: Die schwierigste Zeit war von der Diagnose bis zur Operation. Danach war ich sehr hoffnungsfroh. Ich habe mit dem Tumor in der Champions League gespielt und mich nie wirklich krank gefühlt. Zwei Kilo sind aus dem Bauch draußen, das ist auch mental eine Erleichterung.

STANDARD: Was sagen die Nachuntersuchungen?

Hosiner: Ich war vorige Woche bei einem Spezialisten, mit der gesunden Niere ist alles okay. Mein Körper hat sich schnell auf eine Niere eingestellt. Die Werte passen, alles wieder im normalen Bereich.

STANDARD: Und wo stehen Sie in puncto Fitness?

Hosiner: Ich fühle mich eigentlich fitter als vorher, habe an Muskelmasse zugenommen. Ich bin seit zwei Wochen voll im Mannschaftstraining, mache Sonderschichten. Ich freue mich auf jede Einheit.

STANDARD: Wie läuft es fußballerisch?

Hosiner: Ich war vor dem ersten Training neugierig. Aber es ist alles gelungen, das hat mich in Euphorie versetzt.

STANDARD: Wie begegnen Ihnen die Teamkollegen?

Hosiner: Extrem positiv. Sie sind erstaunt, dass ich wieder voll da bin. Das gibt mir zusätzlich Auftrieb.

STANDARD: Ihnen schlug auch in Österreich eine Welle der Unterstützung entgegen. Die Nationalmannschaft hat ihren Support vor einem vollen Happel-Stadion auf einem Transparent kundgetan.

Hosiner: Das hat mir geholfen. Es waren sehr emotionale Momente, ich war im Stadion und habe Gänsehaut bekommen. Diese Solidarität hat mir jedes Mal einen Schub gegeben. Ob bei Rennes, der Austria oder beim Nationalteam.

STANDARD: Sie sind sehr offen mit Ihrer Erkrankung umgegangen. War das der richtige Weg?

Hosiner: Es war klar, dass Fragen auftauchen werden. Ich habe die Ergebnisse abgewartet und bin mit den Informationen rausgegangen. So weiß jeder Bescheid, es wird nicht spekuliert und ich muss nicht auf unzählige Anfragen antworten.

STANDARD: Wie haben Sie das öffentliche Feedback wahrgenommen?

Hosiner: Ich habe sehr viele Rückmeldungen bekommen, auch von Leuten die nichts mit dem Fußball zu tun haben. Vielleicht kann ich auch als Vorbild für Menschen wirken, die aus dem Nichts heraus erkranken. Es muss nicht immer nur bergab gehen.

STANDARD: Wollen Sie mit dem Thema Erkrankung jetzt abschließen?

Hosiner: Ich habe schon abgeschlossen. Trotzdem beantworte ich gerne alle Fragen, es war ja keine alltägliche Sportverletzung. Es soll sich herumsprechen, dass ich keine Einschränkungen oder Schmerzen habe, dass ich ganz normal Fußball spielen kann. Das ist mir wichtig.

STANDARD: Bleibt von dieser Episode mental etwas zurück?

Hosiner: Mir geht es damit sehr gut. Der Tumor war bösartig, aber in einer Art Schutzkapsel. Er wurde genauso behandelt wie ein gutartiger, also ohne Chemotherapie oder Bestrahlung. Ich hatte großes Glück, das macht es leichter.

STANDARD: Könnten Vereine Ihnen gegenüber skeptisch sein?

Hosiner: Ich weiß es nicht. Es gibt aber keine Ursache. Ich kann weiterhin Leistungssport betreiben. Ich gehe davon aus, dass ich die gleichen Chancen wie jeder andere gesunde Spieler bekomme. (Philip Bauer, 5.5.2015)

Philipp Hosiner (25) aus Eisenstadt stürmte in Österreich erfolgreich für Vienna, Admira und Austria. Mit den Violetten wurde er Torschützenkönig, Meister und spielte in der Champions League. Im Nationalteam hält er bei zwei Treffern. Seit Juli 2014 ist er beim französischen Erstligisten Stade Rennais unter Vertrag. Als er zum 1. FC Köln wechseln sollte, wurde im Jänner 2015 ein Nierentumor entdeckt.

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Spielerdaten auf transfermarkt.at

  • Hosiner: "Zwei Kilo sind aus dem Bauch draußen, das ist auch mental eine Erleichterung."
    foto: imago/stockhoff

    Hosiner: "Zwei Kilo sind aus dem Bauch draußen, das ist auch mental eine Erleichterung."

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