VW bereitet sich auf Ära nach Piëch vor

5. Mai 2015, 11:01
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Volkswagen fasst die Lkw-Marken MAN und Scania unter einer Dachgesellschaft zusammen, die Piëch-Nachfolge ist noch ungeklärt

Nach dem abrupten Abgang von Firmenpatriarch Ferdinand Piëch will Volkswagen möglichst bald einen Nachfolger finden. Präsidium und Aufsichtsrat seien dabei, die offenen personellen Fragen zügig und bestmöglich zu regeln, sagte Vorstandschef Martin Winterkorn auf der Hauptversammlung des Konzerns am Dienstag in Hannover. Piëch nahm erstmals seit vielen Jahren nicht an dem Aktionärstreffen teil. Er hatte Winterkorn in einem beispiellosen Machtkampf in den vergangenen Wochen aus dem Amt drängen wollen, war damit aber im engeren Führungszirkel gescheitert und deshalb zusammen mit seiner Ehefrau Ursula Piëch zurückgetreten.

Winterkorn war bemüht, den Blick nach vorne zu richten. "Wie Sie wissen, wollen wir Volkswagen zur Nummer eins der Welt machen. Dafür brauchen wir volle Konzentration." Die Erfolgsgeschichte von VW werde weitergehen, versicherte er den fast dreitausend Aktionären. Einen Kandidaten für die Nachfolge Piëchs konnte die Volkswagen-Führung noch nicht präsentieren. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, der das Land im Präsidium des Aufsichtsrats vertritt, sagte, VW wolle bei der Suche nach einem Piëch-Nachfolger nichts überstürzen. Ob der Aufsichtsrat bereits einen Fahrplan für die Suche beschlossen hat, wollte er nicht sagen.

Die Aktionärversammlung wurde vom frühren IG-Metall-Chef Berthold Huber geleitet. Er führt als Stellvertreter Piechs den Aufsichtsrat kommissarisch, bis ein neuer Vorsitzender gefunden ist. Konzernkenner erwarten keine rasche Entscheidung. Derzeit ist niemand in Sicht, der Piëch Fußstapfen rasch ausfüllen könnte.

Visionär

Winterkorn dankte Piëch, mit dem er den Wolfsburger Zwölf-Markenkonzern seit 2007 gemeinsam gesteuert hat. "Ferdinand Piech hat die Automobilindustrie in den vergangenen fünf Jahrzehnten geprägt wie kein Zweiter - als Unternehmer, als Ingenieur, als mutiger Visionär." Volkswagen habe ihm viel zu verdanken. Vor Piëch Lebensleistung habe er großen Respekt, sagte Winterkorn.

In seiner Rede vor den Aktionären arbeitet er sich an den Kritikpunkten ab, die Piëch im Aufsichtsrat aufgebracht hatte und die letztlich der Grund für seine öffentliche Distanzierung von Winterkorn waren. Die operative Rendite der Hauptmarke VW sei vor allem deshalb vergleichsweise niedrig, weil darin das starke China-Geschäft nicht enthalten sei. Den Gewinn der beiden China-Beteiligungen verbucht VW im Finanzergebnis. "Das ist wie ein Fußballergebnis, bei dem die Tore eines Top-Stürmers nicht mitgezählt werden", sagte Winterkorn.

In den USA sei Volkswagen dabei, seinen "Masterplan" Schritt für Schritt umzusetzen. Die angekündigten großen Geländewagen kommen jedoch erst Ende 2016 und 2017 auf den Markt. Auf dem wichtigen US-Markt fährt VW der Konkurrenz hinterher. Auch dies hatte Piech angeprangert. Eines der Hauptprojekte Piëchs, der ungeachtet seines Rücktritts von der Aufsichtsratsspitze einer der größten Anteilseigner von VW bleibt, wird auf jeden Fall realisiert. Der Aufsichtsrat beschlossen die lang erwartete Gründung einer Holding für die beiden Lkw-Marken MAN und Scania. Piëch hatte seit Jahren einen eigenen Lkw-Konzern schaffen wollen, um VW auf Augenhöhe mit Konkurrenten wie Daimler und Volvo zu bringen. (APA/Reuters, 5.5.2015)

  • Martin Winterkorn und Wolfgang Porsche in Hannover.
    foto: ap/stratenschulte

    Martin Winterkorn und Wolfgang Porsche in Hannover.

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