Ein kleiner Tod

Userkommentar7. Mai 2015, 09:30
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Das Studium der Keltologie ist gestorben. Dieser Tod ist ein Symptom für das Sterben der geistigen Vielfalt in Österreich

Heute ist ein Todestag. Es ist kein weltbewegender Tod, keiner, für den ein Feiertag eingerichtet wird oder eine Fahne auf Halbmast weht. Die meisten Menschen werden ihn nicht einmal bemerken. Es wird keine Reden, keine Berichte geben. Außer diesem hier und einigen anderen, von einer Handvoll Menschen, die dieser Tod betrifft, und die trauern.

Heute stirbt die geistige Vielfalt Österreichs. Zumindest zu einem kleinen Stück. Heute stirbt die Keltologie Wien. Es ist schon lange klar, dass sie dem Tode geweiht ist, und wir alle wussten, dass wir ihr nicht mehr helfen können. Ignoranz, wirtschaftliche Orientierung, Markttauglichkeit und Verachtung für Vielfalt, kritisches Denken und Geisteswissenschaften im Allgemeinen haben sie getötet.

Ein Studium trotz Universität Wien

Wir mussten hilflos zusehen und wir sind entsetzt und traurig, aber auch dankbar, dass es dieses Studium gab und wir es abschließen durften. Dafür danke ich nicht der Universität Wien, sondern den Menschen, die alles getan haben, um TROTZ der Universität Wien ein Studium einzurichten, das Interdisziplinarität und kritisches Denken hochhält, das mit alten Traditionen bricht und bei dem die Erkenntnisse stets von allen Seiten beleuchtet wurden. Danke euch allen für eure unermüdliche Arbeit.

Sterben der geistigen Vielfalt Österreichs

Ein ganzes Forschungsgebiet, das in ganz Europa eigentlich großes Ansehen genießt, wird in diesem manchmal einfach viel zu kleinen Land für unnötig erklärt. Es ist ein Armutszeugnis für Österreich, für Wien, für die Universität Wien. Dieser heutige Tod mag nur wenige Menschen direkt betreffen, doch in Wahrheit geht er alle an. Er ist ein Symptom für das Sterben der geistigen Vielfalt Österreichs. Und daher sollten wir alle trauern, denn wo der Geist verstaubt und in Einbahnen denkt, wachsen Ideen und Einstellungen, die noch viel mehr Tode nach sich ziehen.

Kein Wissen ist umsonst

So stirbt die Keltologie Wien, wir aber leben noch. Wir, die StudentInnen, die Lehrenden, die Freunde und Freundinnen dieser großartigen Studienrichtung. Und wir werden alles tun, um am Leben zu bleiben und unsere geistige Schulung nicht zu vergessen, wir werden uns erinnern und sie hochhalten, wir werden zeigen, dass es uns noch gibt, und wie wichtig Wissen ist, auch über Dinge, die offiziell als überflüssig angesehen werden. Denn kein Wissen ist umsonst, es ist der Reichtum, der unsere Gesellschaft am Leben erhält und uns zu dem gemacht hat, was wir sind. Lassen wir es nicht sterben, verurteilen wir es nicht zum Tod, wie es bei der Keltologie Wien geschah. (Tamara Rechberger, derStandard.at, 7.5.2015)

Über das Keltologie-Studium

Das Studium vereinte Fachrichtungen aus Ur- und Frühgeschichte, Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaft, Geschichte, Numismatik, Musikwisschenschaft und allen relevanten Themengebieten, die die Kelten betreffen.

Der Wiener Ansatz der Keltologie zeichnete sich durch die kritische Herangehensweise an diese Themen aus, und die Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln anhand der Interdisziplinarität. Er war ein Versuch, die Geschichte der Kelten aus der Mystik, die ihr oft unterstellt wurde, herauszuheben und sie auf rein wissenschaftlichen Fakten neu aufzubauen.

Siehe dazu den Artikel von PD Mag. Dr. Raimund Karl "Erwachen aus dem langen Schlaf der Theorie? Ansätze zu einer keltologischen Wissenschaftstheorie."


Tamara Rechberger (29), ab 2005 Studium der Philosophie und ab 2008 Studium der Keltologie, soeben wie die meisten der MitstudentInnen erfolgreich abgeschlossen. Seit 2011 (bis jetzt) Studierendenvertreterin.

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