Wien wird Problemfall für den Jobmarkt

4. Mai 2015, 18:11
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Der Arbeitsmarkt hat sich besonders stark in Wien eingetrübt. Ursachen sind der rege Zuzug sowie Einsparungen bei Schulungen

Wien – Mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit um fast ein Viertel im Jahresvergleich wird Wien immer stärker zum Problemfall für den Jobmarkt. Im April hat die Arbeitslosenquote mit 13,3 Prozent nicht nur den höchsten Wert Österreichs, sondern auch einen Rekordstand in der Bundeshauptstadt seit der Nachkriegszeit erreicht. Insgesamt waren österreichweit im April 9,1 Prozent auf Jobsuche, das ist ein Anstieg auf Jahresfrist um 14,5 Prozent.

Dazu trägt der seit Jahren konstant hohe Zuzug ebenso bei wie eine höhere Anzahl an arbeitswilligen Frauen, was Sebastian Paulick vom AMS Wien zum Teil auch mit der Einführung des Gratiskindergartens erklärt. "Im Prinzip wollen wir ja mehr Frauen am Arbeitsmarkt", erklärt Paulick auf STANDARD-Anfrage. Allerdings könne der Arbeitsmarkt wegen der anhaltend schwachen Konjunktur das wachsende Angebot nicht aufnehmen.

Der steile Anstieg der Jobsuchenden in Wien spiegelt freilich auch den Rückgang des Schulungsangebots wider. Insgesamt befinden sich rund 28 Prozent weniger Personen in Weiterbildungsmaßnahmen als vor einem Jahr. "Das Angebot wurde aus budgetären Gründen relativ stark reduziert." Berücksichtigt man diesen Übertrag aus den Schulungen in die Arbeitslosenstatistik, bleibt für Wien immer noch ein Anstieg um 10,5 Prozent verglichen mit österreichweit 7,6 Prozent.

Wenig Kurse, trübe Statistik

Ein Großteil des Wiener Schulungsbudgets ist laut Paulick in zweckgebundene Maßnahmen geflossen, etwa für Frauen oder ältere Arbeitssuchende: "Für die breite Masse fehlt uns ein bisserl das Geld." Defizite ortet er besonders bei Deutschkursen und Basisbildung für Pflichtschulabsolventen, von denen sich derzeit jeder Dritte auf Jobsuche befindet. Ein zusätzlicher Lehrabschluss senkt das Risiko von Arbeitslosigkeit bereits um rund ein Drittel. Besonders stark von dieser Entwicklung betroffen sind Migranten. "Wir sehen den Effekt, dass sehr gut ausgebildete Leute aus EU-Ländern Menschen aus anderen Staaten verdrängen", erklärt Paulick. Wobei dieses Phänomen in ganz Österreich zu beobachten ist: Während sich gut ein Fünftel mehr EU-Bürger als vor einem Jahr auf Jobsuche befinden, beträgt der Zuwachs bei Personen aus Drittstaaten um fast zehn Prozentpunkte mehr.

Ebenfalls nach oben geschossen ist im April die Zahl der Langzeitarbeitslosen, die sich österreichweit um mehr als das Eineinhalbfache erhöht hat. Freilich ist dies ein statistischer Effekt, der jedoch die triste Lage am Arbeitsmarkt in den letzten zwölf Monaten gut widerspiegelt. Viele Personen, die vor gut einem Jahr den Job verloren haben, werden nach erfolgloser Jobsuche nun in der Kategorie Langzeitarbeitslosigkeit erfasst.

Die durchschnittliche Verweildauer in Arbeitslosigkeit ist im gleichen Zeitraum um über sieben Prozent auf 116 Tage angestiegen. Hier wird die verringerte Schulungstätigkeit künftig für eine weitere Verlängerung sorgen, denn nach jeder mehrwöchigen Maßnahme wird der Wert in der Statistik wieder zurückgesetzt.

Geringerer Anstieg bei Jugend

Auf Teilbereiche der Wirtschaft aufgeschlüsselt verzeichnete der produzierende Sektor mit plus 10,3 Prozent noch vergleichsweise moderate Zuwächse, während im Gesundheits- und Sozialwesen 13,6 Prozent mehr Personen ohne Job dastehen als vor Jahresfrist. Übertroffen wurde der Zuwachs nur vom Bereich Leiharbeiter mit einem 16-prozentigen Anstieg.

Deutlich verschlechtert hat sich im vergangenen Jahr auch die Lage für ältere Personen ab 50 Jahren mit einem Zuwachs der Arbeitslosigkeit um 17 Prozent, was jedoch teilweise demografischen Faktoren geschuldet ist. Vergleichsweise erfreulich steht in Österreich der Bereich Jugendarbeitslosigkeit da: Der Zuwachs an Jobsuchenden liegt hier mit plus acht Prozent deutlich unter dem Durchschnitt. (Alexander Hahn, DER STANDARD, 5.5.2015)

  • Die Arbeitslosigkeit in Wien steigt überdurchschnittlich stark.
    foto: apa/neubauer

    Die Arbeitslosigkeit in Wien steigt überdurchschnittlich stark.

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