Neil Shicoff: "Der nervöseste aller Sänger"

4. Mai 2015, 17:32
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Der Tenor feierte an der Wiener Staatsoper 40-Jahr-Bühnenjubiläum

Wien - Zwischendurch erzählte Exdirektor Ioan Holender launig, Neil Shicoff wäre nie zum Opernball erschienen. Die vielen Auszeichnungen, die ihm hierzulande umgehängt wurden, konnte er nicht alle ausführen; weglassen wollte er indes auch keine. Niemand sollte gekränkt werden, sprach Holender, und alles lachte. Im Übrigen solle Shicoff froh sein, nicht das geworden zu sein, was er erhofft hatte - nämlich Staatsoperndirektor. Das wiederum entlockte dem momentanen Lastenträger Dominique Meyer ein Schmunzeln. Der Operndirektor selbst hatte Shicoff zuvor eine "wunderbare Person" genannt und angedeutet, Shicoff - "wenn du magst" - weiterengagieren zu wollen. Womöglich die schönste Nachricht eines schließlich heiteren Abends, an dem der amerikanische Tenor sein 40-Jahr-Bühnenjubiläum feierte.

Klar, dass die Gala selbst "für den nervösesten aller Sänger" (Shicoff über sich) nicht die Form eines fröhlichen Arienabends annehmen konnte. Shicoff sucht komplexe Charaktere. Zerrissene, Wahnbefallene und Süchtige bringen ihn in Form; Grenzexistenzen verleiht er Bühnenleben. So einer singt nicht einfach Arien. Er durchlebt Opernsituationen.

So war Shicoff wieder der tragische Eleazar aus La Juive, mit dem Kardinal (Ferruccio Furlanetto) in quälende Auseinandersetzungen verstrickt. Er war der süchtige Hermann in Pique Dame, der der Gräfin (Anja Silja) zusetzte und eben dies deftig auch als Don José bei Carmen (Juliette Mars) tat.

Besonders Juive und Pique Dame lieferten Argumente für die Fortsetzung seiner Wiener Präsenz; nur beim Prolog von Hoffmanns Erzählungen gab es Anlaufschwierigkeiten. Es ist allerdings die Fähigkeit, sich in den jeweiligen Charakter zu verwandeln, die über Gesangsprobleme hinwegträgt.

Die Rollendeutung Hoffmanns rührt übrigens vor jener Inszenierung her, die einst Jürgen Flimm ersonnen hat, woran Flimm - ein bisschen zu ausgiebig vielleicht - erinnerte. Wie er nach Anekdote und Kabaretteinlage auch noch begann, ein Liedchen zu Shicoffs Ehren anzustimmen, riss jedenfalls der Geduldfaden, man buhte. Irgendwann ergriff dann Shicoff das Wort, pries die Energie des Publikums quasi als Sängerdroge, und alles wurde gut. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 5.5.2015)

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