Stalins Schatten

Kolumne4. Mai 2015, 17:24
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Unter Putin werden die Fahnen in neue und alte Wunden eingepflanzt

Im Zeichen der Kriegsschuld und Kriegsangst feiert man diese Woche den 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs. Dieser von Hitlerdeutschland entfesselte Krieg kostete über 52 Millionen Menschen das Leben. Davon entfielen allein 27 Millionen auf die Sowjetunion, die die Hauptlast des Krieges auf dem europäischen Kontinent zu tragen hatte. Wenn man lange lebt, erlebt man alles und das Gegenteil. Man erinnert sich an die Dankbarkeit gegenüber der Roten Armee, die so vielen Menschen, auch mir, 1944/45 das Leben gerettet hat und dann an die Jahrzehnte der Knechtschaft und der Verfolgung der mittel- und osteuropäischen Nationen unter der Herrschaft der Marionetten Stalins und seiner Nachfolger. Infolge des Krieges wurden zwölf Millionen Menschen aus deutschen Siedlungsgebieten nach Deutschland vertrieben; 2,5 Millionen haben die Flucht nicht überlebt. Die Nazis und ihre osteuropäischen Helfer haben sechs Millionen Juden ermordet.

Dieser von Hitler geplante verbrecherische Krieg hatte eine zweigeteilte Welt hervorgebracht: die westliche Hälfte frei, die andere unter neuer Knechtschaft. Nach dem Mauerfall und dem Zusammenbruch des Sowjetreiches 1989/90 schien diese in westliche Demokratie und östliche Diktatur geteilte Welt unwiderruflich zu versinken. Der große Prager Dichter Rainer Maria Rilke warnte 1919: Wunden brauchen Zeit und heilen nicht dadurch, dass man Fahnen in sie einpflanzt. In der Zwischenkriegszeit und zwischen 1938 und 1945 hat man neue und tiefe Wunden geschlagen. Nach 1989 wähnten wir uns in einer Heilungszeit: Das so gespaltene Europa wächst zusammen und die Demokratie wird immer stärker, allmählich auch in Russland.

Fast 25 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion und des Sowjetblocks, den Präsident Wladimir Putin als "die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts" beklagt hatte, zum 70. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg wird Stalin, dessen Terror auch Millionen Russen das Leben gekostet hatte, wieder verehrt. Jeder Dritte in Russland empfindet Sympathie für den Diktator, 45 Prozent rechtfertigen sogar seinen Terror.

Unter Putin werden nicht nur auf der Krim und in der Ukraine die von Rilke befürchteten Fahnen in neue und alte Wunden eingepflanzt. Laut jüngsten Umfragen vertrauen Putin 83 Prozent der Bevölkerung. Seit der gewaltsamen und völkerrechtswidrigen Annexion der Krim meint fast die Hälfte der Befragten, Putin habe für Russland "den Status einer angesehenen Weltmacht" zurückgewonnen.

Die greise, mutige Menschenrechtskämpferin Ljudmila Michailnowna Alexejewa sagte kürzlich in einem Interview mit der Süddeutschen: "Die große Mehrheit unserer Bürger ist mit dem imperialen Syndrom infiziert. Sie sind daran gewohnt, dass wir ein großes, starkes Land sind, dass wir andere Territorien erobern können, dass man sich vor uns fürchtet. Und wissen Sie was: Sie wollen, dass man Angst vor uns hat! Das ist fürchterlich."

Was man bis vor kurzem für unvorstellbar hielt, was niemand 1990 vorausgesehen hat, geschieht: In Stalins Schatten werden die Fahnen von Moskau bis Kiew und bis zum Baltikum wieder in die Wunden eingepflanzt. (Paul Lendvai, DER STANDARD, 5.5.2015)

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