Wenn ich will, wird ganz Europa schwarz

Kommentar der anderen4. Mai 2015, 17:14
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Eine Sehnsucht nach Muammar al-Gaddafi stellt sich ein

Die Diskussion um die Flüchtlingstragödie im Mittelmeer ist an Verlogenheit kaum zu überbieten. Niemand will sich an die Zeit vor dem Arabischen Frühling erinnern. Die Drecksarbeit der Flüchtlingsentsorgung war damals vom libyschen Staat, der sich an den Westen für eine Handvoll Dollar verkauft hatte, übernommen worden.

Laut Uno-Hochkommissariat hat Italien vor 2011 rund 50 Prozent der Bootsflüchtlinge systematisch abgeschoben. Ohne Feststellung der Identität ohne irgendein rechtliches Verfahren. Das alte Lager auf Lampedusa befand sich direkt am Flughafengelände. Flüchtlinge berichteten, dass man in den Sommermonaten zu jeder Tages- und Nachtzeit militärische C-130-Frachtmaschinen hörte, die gefesselte Flüchtlinge über das Meer zurück nach Afrika brachten.

Von Tripolis wurden sie in die Sammellager von Al Gatrun und Sabha in der Libyschen Wüste verschickt. Frauen und junge Mädchen wurden dort aus dem Flüchtlingstreck aussortiert und von Soldaten vergewaltigt. Tausende wurden in Lkws in den Sudan oder nach Eritrea transportiert. Tausende wurden aber auch buchstäblich in die Wüste geschickt, ohne Papiere, ohne Wasser, ohne Brot.

Niemand konnte beweisen, dass es sich bei den Toten um aus Italien abgeschobene Flüchtlinge handelte. Sie hätten ja ebenso gut beim Versuch, ans Mittelmeer zu kommen, in der Sahara verreckt sein können.

Menschenrechtsgruppen haben diese Praxis jahrelang kritisiert. Niemand kann sagen, er hätte es nicht gewusst. Rechnet man die damals Ermordeten und bei Schiffsunglücken Ertrunkenen, kommt man auf ähnliche Opferzahlen wie heute.

Nur hatte sich dieses Sterben eben diskret und in gebührendem Abstand zur europäischen Öffentlichkeit vollzogen.

Italien hat Libyen mit Hubschraubern, Patrouillenbooten, Nachtsichtgeräten und Nato-Draht aufgerüstet. Schließlich hatte Gaddafi unverhohlen gedroht: "Wenn ich will, wird ganz Europa schwarz!" Der Verdacht drängt sich auf, dass bei den zahlreichen Gedenkminuten der Vorwoche eines Mannes mit Wehmut gedacht wurde: Muammar al-Gaddafi. (Robert Klement, DER STANDARD, 5.5.2015)

Robert Klement (Jg. 1949) ist Schriftsteller. Für sein Buch "70 Meilen zum Paradies" (Jugendliteratur-Staatspreis 2007) recherchierte er auf Lampedusa, in Tunesien und Süditalien.

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